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Der Israelit · 1885-09-08 · Heft 71-72 (8.9.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 71-72 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVL Jahrgang. Erste Beilage zu Ur. 71 & 72 des Israelit. Leitender Atikel. Aeujaßrsöetrachlungen. Von Dr. H. Sänger. Tffc« '~i 'ry Ten ,nnw tnn D’p^N 'n iw px mns ny? nmn rvanö na „Das Land, das der Ewige Dein Gott sucht und verlangt, beständig sind die Augen des Ewigen Deines Gottes darauf gerichtet, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres." Ein Wanderer durchschritt einst eine schöne Gegend; herrliche Saatfelder, grünende Wiesen, gut gepflegte, mit der saftigen Traube reich behangene Weingärten wechselten mit einander ab. Dazwischen kamen wohl auch einzelne öde, unfruchtbare Stellen vor. Und dort lag einer vorn Blitz getroffener edler Baum mit der Krone auf dem Boden; hier wiederum bietet ein vom Hagel zerschlagenes Kornfeld einen traurigen Anblick; da hat ein vom Gewitterregen angeschwollener Bach das daranstoßende Feld überfluthet und unter seinem Schlamme den erhofften Ertrag des Jahres begraben. Schöne, schmucke Ortschaften, deren Sauberkeit auf den Wohlstand ihrer Bewohner schließen läßt, sind umrahmt vom grünen Laub der sie schützenden und schattenden Obstbäum?; mitunter trifft auch der Blick auf eine ärmliche, halbzerfallenen Hütte. Da, am Ende seiner Wanderung erklomm er einen Berg, von dem aus er die stundenlang durchwanderte Landschaft mit einem Blick umspannen konnte. Und herrlich war der Gesammtanblick dieser schönen, fruchtbaren Ebene; überwältigend der Gesammteindruck; es ist Alles so harmonisch! Wie ein wohlgepflegter Garten erscheint die ganze Landschaft. Die einzelnen störenden Eindrücke, das Einzclgeschaute, es ist verwischt, es ist zusammengeflossen zu dem Gesainnttbilde; er sieht es jetzt ganz anders. Denn er steht nicht mehr mitten in der Landschaft und zwischen den einzelnen Feldern, Wiesen, Gärten und Dörfern, sondern hoch über denselben. Aber so schön, so prächtig und harmonisch vollkommen auch der Gesammteindruck ist, so entspricht er doch nicht ganz der Wirklichkeit, ist er nicht der wahre. Auch uns ergeht es so im Leben und mit dem Leben, nur mit dem Unterschiede, daß wir gewöhnlich mitten drin im Leben und dessen Vorkommnissen stehen, unser Blick aber gewöhnlich nicht auf den einzelnen Moment, auf das einzelne Vorkonunniß gerichtet ist, sondern nur der Gesammteindruck von uns anfgefaßt und festgehaltcn wird. Denn wir wollen nur die heitere, sonnige Seite des Lebens sehen. Die Einzelerscheinungen machell auf uns nur einen spontanen Eindruck, der sich bald wieder verflüchtigt. Dadurch ist unsere Anschauung und unser Urthcil über die Einzelvorgänge des Lebens llicht ganz der Wirklichkeit angcpaßt. Am Nosch haschouoh, wo wir aber mit der Wirklichkeit rechnen sollen, müssen wir einen Blick auf's Einzelne werfen, müssen wir herabsteigeu in's Mcnschcngetriebe und uns selbst gleichsam folgen, unseren Spuren, die unser Schritt in der das Jahr hindurch durchwanderten Landschaft hinterlassen, nachgehen. Steigen wir vom Berg in's Thal und wandern wir aufmerksamen Blickes vorüber an Garten und Feldern, an Wiesen und Weinbergen. Forschen wir in unserem Inneren nach, folgen wir unseren Gedanken, Entwürfen und Handlungen, prüfen wir die einzelnen Tage und einzelnen Momente, und wir werden bald herausfinden, daß bei eillgehender, näherer Betrachtung das Bild nicht mehr so harmonisch und abgerundet ist. Da kommen wir an einem zerbrochenen Zaun vorüber. Der Zaun an sich ist vielleicht aus dem einfachsten Material und kann leicht ausgebessert werden; der Schaden ist unbedeutend. Aber als Schutzwehr betrachtet, auf daß nicht ein Jeder und Jedes in den Garten eindringen kann, hat dieser Zaun einen viel höheren Werth, eine größere Bedeutung. Wer den zerbrochenen Zaun unausgcbessert läßt, der beweist, daß der durch den Zaun umfriedete und geschützte Garten für ihn gleichfalls ohne Werth und Bedeutung ist. Es gibt darin für ihn Nichts zu schädigen und zu zerstören, Nichts das der Erhaltung werth wäre, vor Schaden bewahrt zu werden brauchte. Freilich kann auch Gleichgiltigkeit und Trägheit die Ursache sein dieser Nachlässigkeit, und er würde möglicherweise recht ärgerlich und aufgebracht sein, wenn ein Dritter sich unterfangen wollte, durch den zerbrochenen Zaun in seinen Garten cinzudringen, um dort irgend etwas zu zerstören oder zu stehlen. Es gibt auch in uns einen solchen Theil, der I fest umfriedet und umzüumt werden muß, unser Herz nämlich, das so leicht allen äußeren Einflüssen zugänglich ist. Wie ein Blumengarten muß es ge-

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