Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 71-72 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1226 ergeben und mit Familie anszuwandern. Wir österreichischen Ilnterthanen haben uns zunächst an das hiesige österreichisch-ungarische Konsulat gewendet, welches uns aber sehr wenig Aussicht auf Zurückziehung der Ausweisungsbefehle machte, da dieselben auf Grund eines ministeriellen Erlasses ergangen sind. Wir wendeten uns sodann telegraphisch an das k. k. Ministerium des Acußern in Wien mit der Bitte um Abhilfe. Wir geben uns der Hoffnung hin, das; das österreichische Ministerium bei der preußischen Negierung die nöthigcn Schritte machen wird, damit die österreichischen Ilnterthanen nicht so rücksichtslos behandelt werden. — Heinrich Fink. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Proßnitz (Mähren), 30. August. Vorige Woche war in Kr cm s i er (die Stadt ist 3 Meilen von hier entfernt) die Begegnung des russischen Kaisers mit unserem Kaiserhause, bei welcher Gelegenheit auch unsere Gemeinde-Vertretung ihre Huldigung darbrachte. Unser Rabbiner Herr Dr. E. Hoff, wurde von Ihrer Majestät der Kaiserin von Oesterreich in huldvoller Weise angesprochen und die hohe Frau unterhielt sich einige Minuten mit demselben. Feuilleton. Zwei Koschl)aschana-Aöeni>e. Ein Zeitgemälde von Sc. (Fortsetzung.) Die junge Frau erinnerte sich noch genau des Tages, an welchem ihr geliebter Alfred mit freudestrahlendem Gesichte heimkehrte und erzählte, er habe an einem einzigen - Geschäfte hundert Thaler gewonnen. Sie nahm es freudig hin, verstand es aber nicht, wie man so schnell so viel Geld gewinnen oder verdienen könne. Der schöne Anfang hatte die Lust nach größerem Gewinn in Alfred erregt, er hatte überraschendes „Glück", es war, als ob die Börse sich nachseincn Manipulationen richtete, einige kleine unscheinbare Verluste wurden rasch durch größere Gewinne überholt, die Summen, in denen Alfred speculirtc, wurden immer größer, und nach kaum fünf Jahren war er ein beachteter Börsenspieler und für den Augenblick ein hochangesehcner Mann. Die junge Frau nahm dies alles ohne Sorge und Angst hin, sie glaubte eben an das unverwüstliche Glück ihres Mannes und hatte keine Ahnung von derbodenlosen Tiefe, die unter der dünnen Decke gähnt, auf welcher solche Glücksmenschen wandeln. Jetzt wurde eine Villa in der gartenähnlichen Vorstadt gekauft, dieselbe aufs Kostbarste ausgestattet, die Diener^ schaft entsprechend vermehrt, und eine schöne Equipage und Rosse der edelsten Race für dieselbe wurden angeschafft. Wie hüpfte der jungen Frau das Herz vor Freude, als sie zum ersten Male in ihr reizendes Heim, in dem sie jetzt Herrin sein sollte, eintrat. Aber die neue Lebensweise, die neue Stellung in der Gesellschaft warf bald ihre Schatten auf das innere Glück, von dem sie bisher beseelt war, auf die Ruhe, deren ihr Herz sich bisher erfreut. Das Geld öffnet die Herzen der Menschen und die Pforten der Paläste. Der Villabesitzer konnte nicht mehr so unbeachtet bleibe» wie der kleine Börsenmann von ehedem, und Einladungen befreundeter Nachbaren konnten nicht ausbleiben. Da wurden denn Meyerheim und seine Frau zu Festlichkeiten und Gastmählern herangezogen, bei welchen Speisen verabreicht wurden, die das jüdische.Speisegesetz verbietet. Emma bat ihren Mann, dergleichen Einladungen abzulehnen, bei ihm waren aber mit dem Geld neue Grundsätze eingezogen. Das könne und dürfe man nicht, wenn man einmal ein großes Haus ausmache, so könne inan sich nicht isoliren, dürfe sich den Ansprüchen, die dieGesellschast stelle, nicht entziehen, man könne sich doch nicht lächerlich machen; wolle man Leute bei sich sehen — und das müsse er in seiner Stellung — so dürfe man selbst^ die Menschen nicht meiden; im eigenen Hause könne man ja ganz nach eigenen Wünschen streng religiös leben, aber außer dem Hanse gäbe es noch andere Verpflichtungen, man brauche ja auch nicht bei solchen Gastmählern von Allem zu essen, es kämen doch auch Speisen auf den Tisch, die man essen dürfe, und das Ende einer solchen Auseinandersetzung war — die Einladung wurde angenommen. Freilich war cs die ersten Male Emma nicht möglich, bei dergleichen Einladungen etwas über die Lippen zu bringen, und sie nahm die Zuflucht zu einer Ausrede von einem Magenleiden; mit um so größerem Schnierze sah sie aber, wie ihr Mann sich hier ganz so benahm, als hätte er niemals auf die Speisegesetze Rücksicht genommen. Allerdings wußte sie nicht, daß er sich schon längst, seitdem er angefangen über größere Geldmittel zu gebieten, die ihm erlaubten, in den Klub einzutreten, der im Volksmund wegen der Mitglieder, die ihm angehörten und der Summen, die dort verzehrt wurden, der Millionenklnb genannt wurde, von den Vorschriften der jüdischen Speisegesetze außerhalb - des Hauses sich emancipirt hatte. Bald aber war sie da-