Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 71-72 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1227 hin gebracht, von den Herrlichkeiten, die gereicht wurden, etwas zu nehmen, „was man essen durfte," und als nun die Sommerreifen dazu kamen, die sie mit ihrem Manne machte, da wurde sie endlich durch Gesundheitsgründe und dergleichen Redensarten dazu gebracht, vollständig, wenigstens für die Reisesaison, mit den Lehren zu brechen, in denen sie im Elternhause groß geworden war. Sie war eben eine schwache Frau, die ihren Alfred, der ihr innige Liebe bezeigte, und der jeden ihrer Wünsche zu erfüllen strebte, bevor er ausgesprochen war, mit der ganzen Kraft ihres Herzens bis zur Schwäche liebte, bis zu der Schwäche, die in selbst ihr ernsten und heiligen Dingen, dem Wunsche des geliebten Mannes keinen Widerstand eutgegenzusetzen wagte. Aber wie sehr litt sie unter diesen Verhältnissen, immer machte sie sich Selbstvorwürfe, immer nahm sie sich vor, entschieden zu sein, und dann war sie wieder schwach, und dann überkam sie neue Reue; sie hatte inmitten der Pracht, des Glanzes und des Reichthums ihren inneren Frieden eingebüßt. Das Glück noch mehr zu trüben, kam seit Anfang des Jahres eine mitunter gereizte Stimmung ihres Mannes hinzu; auf seinem sonst so heiteren Gesichte lagerte bisweilen eine Wolke des Umnuths und der Verdrießlichkeit. Sollte er mit ihr vielleicht unzufrieden sein; sollte sie seine Liebe verscherzt haben, oder sollte seine Gesundheit gestört sein, was er ihr vielleicht aus Zärtlichkeit verheimlichte? Daß sein bisheriges Glück ihm den Rücken gewendet und sein Vermögen eine bedenkliche Einbuße erlitten, das wußte sie freilich nicht. Dann wurde er wieder heiterer, aber eine schlimme, böse Zeit ließ diese Heiterkeit nicht andauern; die Kinder wurden von der tückischen Diphteritis heimgesucht; der Knabe ward minder schwer bettoffen, aber das Mädchen verfiel in schwere Krankheit, die Aerzte schüttelten bedenklich den Kopf, sie konnten den unglücklichen Eltern keine Hoffnung machen. Schmerzdurchwühlt wand die junge Mutter sich am Bette des geliebten kranken Kindes , gern wollte sie ihren Reichthum hingeben, wenn ihr nur das Kind bliebe, und jetzt erinnerte sie sich, wenn sie so ihren Liebling von den Fieberschauern erfaßt sah, wie sie so leichtsinnig um eines kurzen Genusses willen die Wege verlassen, die ihre Eltern gewandert, und heftige Seelenpein ergriff sie. O, wie gern wollte sie die alten Wege wieder wandeln, und alle ihre Schmerzen, all ihre Pein lösten sich in ein inniges, thränenvolles Gebet auf und in dem Gelübde, wieder nach der Weise zu leben, in welcher sie erzogen war. Sie fühlte sich jetzt erleichtert und neue Hoffnung belebte sie trotz aller schlimmen Anzeichen. Roch an demselben Äbcud hatte sich der Arzt schweigend von der kleinen Kranken entfernt und versprochen, nach Mitternacht wicderzukommcu. Dann war er wiedergekommen, was aber geschehen war, er konnte einen, wenn auch nur minimalen Rückgang des Fiebers constatiren. Das war unter diesen Umständen ein bedeutender Schritt zum Bessern, wie der Arzt ihn nicht erwarten konnte, nicht erwartet hatte. Dann verfiel das Kind in einen sanften Schlaf, und am folgenden Morgen konnte der Arzt die Krisis für überstandeu erklären. Wie jubelten die Eltern auf, als so der erste Hoffnungsstrahl auf das Lager der armen Kleinen siel. Run nahm die Besserung mit jedem Tage zu, und es war in dieser Woche, der Woche vor Roschhaschanah gewesen, daß die Kleine zum ersten Male wieder ausgeführt werden durfte. Wie wollte Emma diesen Roschhaschanah feiern! und es freute sie besonders, daß sie ihren Mann, der in seinem außerhäuslicheu irreligiösen Leben sich nicht geändert hatte, dazu bestimmen konnte, wenigstens Roschhaschanah nach der alten Sitte zu feiern, und den Abend ganz seiner Familie zu widmen. Und doch war es anders gekommen; Alfred hatte am Vormittage ein Stadtbillet erhalten, er war verlegen, aber er mußte mit seinem Anliegen Herausrücken. Er könne sein Versprechen nicht in seinem ganzen Umfange halten, sein Freund, der Graf Breutow, verlasse heute Abend die Residenz, und die Freunde wollten die letzten Stunden seines Hierseins gemüthlich mit diesem im Casino verbringen, und er müsse auch dort sein. Emma traten die Thränen in die Augen, er könne sich doch entschuldigen lassen. Das gehe nicht, antwortete er, er dürfe nicht fehlen, Brentow sei erstens sein bester Freund, dann habe dieser Beziehungen zum Fürstenhause, und man könne nicht wissen, wie dies einmal ihm für eine spätere Carriöre zu Statten kommen könne. Was halfen die' Thränen und Bitten der armen Frau? Eines wolle er ihr versprechen, er wolle nicht den ganzen Abend ausbleibeu, er wolle noch so zeitig zu Hause sein, daß er mit Frau und fthtbem noch eine gemüthliche Festesfreude feiern könne. Alles dies war der jungen Frau in ihrem Geiste vorübergezogen, und nun war es schon neun Uhr vorüber, und der Mann war immer noch nicht heimgekehrt; sie weinte heftig, schluchzte tief auf und rief: „Welch ein Roschhaschanah!" Sie mußte wohl recht laut gerufen haben, denn die Kinder, die in der Zimmerecke vergnügt gespielt hatten, liefen erschreckt herbei, und als sie ihre Mutter weinen sahen, brachen sie selbst in heftiges