Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 71-72 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1222 Zimmerleute, Dachdecker, Schreiner, Nadmacher, Tapezierer, Uhrmacher, Drexler, Droschenkutscher, Bäcker, Metzger, Schneider, Schuhmacher, Lastträger, Ehausseearbeiter — sie alle sind Juden. Wir haben Leute mit langen Bürten und großen! Arba Kanfoth (über den Kleiden,) an den Chausseen stehen und Steine zerklopfen gesehen. Wenn dieser fleißigen, intelligenten, nüchternen und genügsamen Bevölkerung gestattet würde, aus den sogenannten Inden- Distrikten in die ihnen bisher verschlossenen großen, menschenleeren Provinzen des russischen Reiches auszuwandern, sich dort niederzulassen und ungehindert von quälenden Ausnahmsgesetzen ein menschenwürdiges Dasein zu führen — cs Ware nicht allein für die Juden Rußlands, es wäre auch für das große Czarrenreich von unberechenbarem Vortheile. Cs geht eine wahrhafte Sehnsucht durch das Volk, den Boden zu bebauen und sich dem Ackerbau zu widmen. — Vor ungefähr einem halben Jahrhundert hat Kaiser Nicolaus seine jüdische Unterthanen für den Ackerbau zu gewinnen sich bemüht. Er hat den Juden, die sich dem Ackerbau widmen wollten, Land einräumen lassen, hat sie für eine Reihe von Jahren von Steuerlast und Militärpflicht befreit. Diese Versuche sind vielfach mißlungen. Aber sie mußten niißlingen. Ganz unvorbereitet, ohne vorhergegangenen Unterricht, ohne irgendwelche Erfahrung sollten Handelsleute, Handwerker und Talmudbeflissene zu Ackerbauern werden! Sie hatten keine Ahnung davon, wie man den Boden bebaut, wie man säet und erndtet, wie man düngt und pflügt, wie man das Vieh pflegt und dieObftbäume behandelt. Unter solchen Umständen konnten nur Mißerfolge eintrctcn, und die Unglücklichen waren gezwungen, entweder zu verhungern oder die ihnen eingeräumten Aecker durch arbeitskundige Nichtjuden bebauen zu lassen. Sie wählten natürlich das Letztere. Als das bekannt wurde, erhob sich ein großes Geschrei gegen sie. Die Juden, hieß eS. wollen nicht arbeiten, sie wollen nur handeln! Sie niißbraucheu des Kaisers Gnade! — Wie unberechtigt derartige Vorwürfe gewesen und noch sind, ergibt sich ans dem oben Gesagten. Ebensowenig wie man einen Ackerknecht in ein Eompiokr seyen und von ihm kanfmännische Arbeiten verlangen kann, ebensowenig kann man Handelsleute, Handwerker oder Studierende mit einem Schlage zu Ackerbauern machen. — Jene wohlgegenitinten aber vergeblichen Versuche des Kaisers Ricolaus haben bei den maßgebenden Persönlichkeiten in Rußland das Vorurtheil erzeugt, daß der Jude nicht zum Ackerbaue tauge. Dieses Vorurtheil ist jedoch ein durchaus irriges. Jetzt lebt ein anderes Geschlecht, das sich darnach sehnt, im Schweiße seines Angesichtes den Erdboden zu bearbeiten und ihm seine Früchte abzugewinnen. Wenn die russische Gesetzgebung den Juden gestatten würde, Grundeigenthum zu erwerben, so würden Hunderttausende sich mit Luft und Liebe dem Ackerbaue widmen und in kurzer Zeit die dazu nothwendigen Kenntnisse erwerben. Auch die in Deutschland, respective Preußen, seit einer Reihe von Jahren angesiedelten russischen Juden sind in dem verflossenen Jahre durch die von der preußischen Regierung verfügten Ausweisungsdecrete hart betroffen worden. Mehr als 5000 Glaubensgenossen haben dadurch Domicil und Broderwerb verloren. Viele von ihnen sindheimathlos geworden, da sie in ihr Geburtsland nicht mehr zurückkehren können. Was soll aus diesen Unglücklichen werdey? In einer Zeit der tiefsten Ruhe und des ungestörten Friedens erhebt sich gegen Israel eine Strömung, die es nicht zur Ruhe kommen läßt. Auch das ist eine Fügung des allweisen Gottes. Israel soll sich des Weltenfriedens nicht freuen, die Ruhe nicht mit Behagen genießen können. Es soll stets aufs Neue aufgerüttelt werden, auf daß es seiner hohen Aufgabe nicht vergesse in erschlaffender Ruhe. Deßhalb werden wir stets daran gemahnt, daß wir von den Völkern als Fremdlinge betrachtet nnb behandelt werden. So wandelten einst unsere großen Stammesväter unter den Nationen, stets mir ihrer großen Aufgabe lebend. Die Feier des herannahenden Festes wird in der heiligen Schrift (3. B. M. C. 23, V. 24) mit den folgenden Worten angeordnet: ]ror pns&y d^> '\t vrmb toh »jrawi anro .tsnp JOpD nynn „Im siebenten Monat, anr ersten des Monats, sei auch eine Feier, Gedächtuiß des Schofarblasens, heilige Verkündigung." Unsere Weisen bemerken dazu im Midrasch: pi2r ,d,tüx J,n nrw iww d,tqn nr insa 2pj/’ nr mp topo ,b'x rum «r> idws» prur nr nynn p'uro rnn w 'rrrnpv btozr ppy» 'hit ytstr Team BHra pa ueö pn nax nor „Baechad, das ist Abraham, wie es heißt: Echad (einer) war Abraham; Gedächtniß des Schofarblasens, dasistJizchak, wie es heißt: Und ersah, und siehe ein Widder (Widderhorn — Schofar); heilige Verkündigung, das ist Jakob, Israel, mein Verkündeter! — Wann sollt ihr erwähnen die hohen Verdienste der Väter und -frei ausgehen vor Mir im Gericht? — Im siebenten Monat."