Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 71-72 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVI. Jahrgang. M 71 &'72, Ein Sentrat - Argan für das orthodoxe Iudenthum. Herausgegeben von Dr. Le?)»rann in Mainz. Dienstag, den 8. September S«4S (L88S). Da mit dem 1. Oct. 1885 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Wir geben heute eine Doppelnummer, da wegen des hl. Neujahrfestes die nächste Nummer (wiederum eine Doppelnummer) Mittwoch den 16. September erscheint. Leitende Artikel. Zum Meujahrsfeste! Mainz, 1. September. Nur wenige Tage noch, und ein neues Jahr beginnt. Wiederum hat die Erde ihren Kreislauf um die Sonne vollendet, und bald wird das Jahr 5645 der Vergangenheit angehören wie alle seine Vorgänger. In Bezug auf die Lage und Zustände unseres Volkes in den verschiedenen Ländern der Welt hat sich nicht viel geändert, noch weniger gebessert. Der Antiseinitismus hat zwar durch die vielfachen Enthüllungen in Bezug auf die Charaktere seiner Führer an Jntensivität verloren, jedoch hat er im Allgemeinen an Ausdehnung gewonnen. Wie eine jede Mode anfangs mit großen! Eclat auftritt, jedoch erst allgemein zu werden pflegt, wenn bereits die tonangebenden Persönlichkeiten auf etwas Anderes sinnen, so ergeht es auch mit dieser Modekrankheit; da sie im Abnehmen begriffen ist, findet sie erst die weiteste Verbreitung. Dadurch jedoch wird gerade dieses Stadium der traurigen Krankheitserscheinung ain schmerzlichsten empfunden, und hat in Folge dessen die große Menge unseres Volkes am meisten zu leiden, nicht allein in gesellschaftlicher, sondern vornehmlich auch in commercieller Beziehung. 'Unterdeß treffen täglich traurige Nachrichten aus Rußland und Rumänien ein. In dem großen Czarenreiche, in welchem mehr als die Hälfte unserer Glaubensgenossen wohnen, schweben die Verhandlungen der Judencommission wie ein Damoklesschwert über den Häuptern derselben die Gemüther mit Angst und Furcht erfüllend. Erfreuliches ist bis jetzt aus diesen Verhandlungen noch nicht zu Tage getreten. Man will die Juden von Intelligenz und Bildung zurückhalten, von Ackerbau und Grundbesitz, ja von der Pachtung der Güter ausschließen. Während früher es den Juden gestattet war, Pachtverträge auf die Dauer, von 25 Jahren abzuschließen, beschränkt ein in neuester Zeit erlassenes Gesetz die Zeitdauer derselben auf zehn Jahre und knüpft außerdem vielfache und kaum zu überwindende Schwierigkeiten daran. Nicht allein, daß alte und veraltete Gesetze zu Benachtheiligung unserer Glaubensgenossen wieder hervorgesucht werden, sie finden auch in rigorosester Weise ihre Anwendung. So existirt ein Gesetz, welches neue Ansiedlnngen von Juden in den Dörfern verbietet. Unlängst brannte ein Dorf ab, in welchem zehn jüdische Familie wohnten. Die Unglücklichen waren ihrer geringen Habe beraubt; sie halfen sich so gut sie konnten und gingen daran ihre armseligen Hütten wieder aufzubanen. Da konimt der Vertreter des Gesetzes und behauptet, das sei eine neue Ansiedlung und daher verboten. Wenn die Bedrohten keinen Annehmer finden, so müssen sie in die nächste Stadt ziehen und dort das jüdische Proletariat vermehren helfen. — Die Armuth und das Elend eines großen Thciles der jüdischen Bevölkerung in Rußland sind über alle Beschreibung traurig. Und dabei ist diese Bevölkerung intelligent, fleißig, nüchtern, bescheiden und genügsam. Alle Handwerker dort sind Juden. Maurer,