Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1885)
- Date
- 1885-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1207 schlagen wurden, dort fand er die Ursache dieser großen Bewegung, die sich der Gesellschaft bemächtigt hatte, es war von Paris berichtet: „Napoleon ernstlich erkrankt. Abeudbörse: Panik." Die Rente war um fast drei Franken auf einmal gefallen, und das bedeutete für die Spiclpapiere einen Sturz ins Unermeßliche. Meyerheim ward es beim Lesen dieser Hiobspost schwarz vor den Angen, er taumelte. Ein Augenblick hatte genügt, alle seine Luftschlösser, die in seiner Phantasie schon so herrlich vor ihm standen, über den Haufen werfen. Es war mit seinem Glücke schon bedenklich abwärts gegangen, als er noch einmal alle seine Kräfte und all seinen Leichtsinn zusammennahm, um mit einem Griff alles das wieder an sich zu reißen, was ihm die bösen Tage des letzten Jahres entrissen hatten. Und cs hatte sich so schön angelaffen, die Papiere waren nach und nach gestiegen; er hatte es sich im Kopfe schon ausgerechnet, das; ihm der nächste Ultimo, der nahe bevorstand, an fünfzigtansend Thaler Differenzen eintragen würde, das wäre ja wieder ein Anfang; er brauchte ja fürs Erste seine Ansprüche an das Leben nicht niedriger stellen, es war zwar kein Reichthum, aber mit dem, was er noch besaß, doch eine Summe, bei der man leben konnte, und ist cs erst einmal im Zuge, kommt schon das Ucbrige nach, nnd die Million wird somit bald wieder voll sein. So hatte er gerechnet, so gedacht — nnd nun — Ruhe überall nnd doch dieser unerwartete heftige Schlag! Jetzt war er ein armer Mann, ein Bettler, sein Ruin war nicht zu verbergen, sein Geld dahin, sein Name dahin, seine Ehre dahin, alles, alles verloren! Es duldete ihn nicht mehr in dem glänzenden Saale, er mußte hinaus; er behielt noch so viele Besinnung, sich von seinen Freunden zu verabschieden, schützte ein Unwohlsein vor, das ihn veranlasse in so überstürzter Eile den Freundeskreis zu vcrlaffen; schon den ganzen Abend sei es die Ursache seiner Unruhe gewesen: dann eilte er ins Freie. Sein Entschluß war gefaßt. Der Schimpf, der ihn erwartete, er konnte ihn nicht überleben, und allen den Gewohnheiten entsagen, zn denen ihn der Reichthum gebracht hatte, das war für ihn ärger als der Tod. Wie sollte er Weib und Kindern unter die Augen treten und ihnen eröffnen, daß sie von jetzt ab nicht mehr in der Equipage fahren, nicht glänzende Räume bewohnen könnten, ohne vor Schain in den Boden zu.sinken. Nein, mit dem Leben mußte abgeschlossen werden; erst mußte er aber noch einige Papiere ordnen, dann wollte er schriftlich von den Seinigen Abschied nehmen, sie sollten cs wissen, daß er an sie im letzten Augenblicke seines Daseins gedacht und dann fort, fort aus dem Leben! Wie ein Dieb schlich er sich leise in sein Haus, nur von keinem der Dienstboten bcmertt zu werde»; es gelang ihm, ungesehen in sein im Parterre gelegenes Arbeitszimmer zn gelangen. Nachdem er sich seines Nockes entledigt hatte, legte er sich Papier und Tinte zum Schreiben zurecht, entnahm ans einem Schränkchen einen Mahagonikasten, den er lange betrachtete, bevor er ihn öffnete, endlich drehte er den kleinen Schlüssel um, zwei glänzende Revolver blitzten ihm entgegen. Er schauderte nnd schloß das Kästchen wieder. Dann überlicf es ihn heiß und kalt; jetzt fiel es ihm wieder ein, warum er den Abend über so unruhig in der kleinen Gesellschaft gewesen, warum er so oft seine Uhr gezogen: er hatte seiner Frau versprochen, früh nach Hanse zn kommen, sie hatte es so sehr gewünscht, daß er gerade diesen Abend in ihrer und der Kinder Gesellschaft verbringe: es war der erste Abend des Roschhaschanahfestes. „Roschhaschanah!" seufzte er tief auf, er stützte seinen Kopf auf die Hand nnd versank in tiefes Nachdenken.- Während hier in seinem Arbeitszimmer ein unglücklicher Mensch verzweifelte, saß oben ei» elegantes junges Weib in Gesellschaft ihrer zwei Kinder, eines.muntern Knaben von ungefähr 7 Jahren und eines vierjährigen Mädchens, dessen hübsches von prächtigen blonden Locken eiugcrahmtes Gesichtchen unverkennbar die Züge des Mannes trug, der unten im Paterre mit dem Leben abzuschließen beschäftigt war. Das traurig blickende Gesicht der jungen Frau paßte aber durchaus nicht zn den muntern Spielen der Kleinen und der prachtvollen von vielfachen Lichtstrahlen erhellten kostbare»; Ausstattung des den Reichthuu» seiner Bewohner verrathenden Speiscsaals. Wieviel Knrnmer und Herzeleid wohnt oft in den kostbarsten Geuiächeru, »vie oft fehlt das Glück da, wo dem frcnldcn Beschauer alles so wohlig anheimclt, nnd wo die ä»»ßcre Erscheinung zu sagen scheint: hier ka»m cs an nichts fehlen, und wie oft verhüllen kostbare Vorhänge das innere Elend, und verdecken Seidenmöbel und Brüsseler Teppiche den Mangel und die Noch ihrer Besitzer. Und die junge Frau mit dem trüben Blicke, den thränenschiminernden Augen inmitten all der Pracht, die sie umgab — was bedeuteten ihr die kostbaren Teppiche, auf denen der Schritt »»»gehört verhallt, die schwere», seidenen Vorhänge, die dem