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Der Israelit · 1885-08-27 · Heft 68 (27.8.1885) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 68 (27.8.1885)
Date
1885-08-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1163 wenigstens für den nicht, der die Rede des Ministers v. Puttkamer vom 6. Mai d. I., als er in dieser Angelegenheit intcrpellirt wurde, im Gedächtnis; hat. Wenn jemals, so hat Herr v. Puttkamer sich bei dieser Gelegenheit offenherzig ausgesprochen. Er hat alle die Maßregelndie jetzt als neu und ererftaunlich bcpcfcfjirt werden, angekündigt. Besonsonders auffallend ist, das; die „Nat.-Ztg.", um sich über die Gründe und die näheren Vorgänge der Ausweisungen zu informiren, auf die Entdeckungen eines Reisckorrespondenten der „Nowoje Wremja" zurückgreift, der eigens deßhalb nach Berlin gekommen zu sein scheint. Dieser „Weltreiscnde" hat sich bei seiner Entdeckungsreise auf einem ganz klar liegenden Gebiete wunderbare Sachen aufbinden lassen. Er hat in Berlin erst einen befreundeten Polen besucht, der ihm unter kräftigen Ausfällen auf die „spitzbübischen Deutschen" mittheilt, er sei noch nicht an die Reihe gekommen, erst solle „das ganze Gesindel" ausgctrieben werden. — Von da ging der Reisende in's Ministerium des Innern und ein alter Gcheimrath erzählt ihm von „Dieben, Spitzbuben, Deserteuren, Polen, Juden, politisch verzweifelten Leuten", welche die Annehmlichkeit hätten, bei uns nicht der Klaffensteuer zu unterliegen (!). Von diesem merkwürdig unterrichteten Gehcimrath geht der berühmte Reisende zur russischen Botschaft und läßt sich dort erzählen, das; noch kein einziger Ausgewiesener sich beschwert habe, weil kein einziger „gesetzlicher Mann" darunter sei; die Mehrzahl der Ausgewiesenen seien Juden, welche die liberale Presse in der Hand haben, daher das Geschrei. Schließlich kommt der famose Mann zu einem Berliner Bankier, der lange in Rußland gelebt hat und sich des Umganges mit Parlamentariern rühmt, und der sagt ihm: „Das sind alles Dummheiten, nur Spitzbuben treibt man ans, Leute, die das Volk betrügen; alles jüdische Anstiftung, die preußischen Juden wollen, daß btc* russischen, polnischen, italienischen Juden ausgewiescn werden." — Diesen Unsinn des russischen Rciseschriftstellers theilt die „Nat.-Zeit." allen Ernstes mit. Nun vergleiche man damit die bekannte Thatsache, daß Leute aller Stände, reiche und arme, ländliche und Industriearbeiter, Kanfleute und Handwerker, Gutsbesitzer, Aerzte, ehemalige Soldaten und Reserveoffiziere ansgewiesen sind, und daß unter den Ausgewiesenen, wie wir vor Monaten aus amtlicher Quelle mittheilen konnten, etwa nur '/-Juden sind. Würde Herr v. Pnttkamcr, als er die Interpellation beantwortete, etwa aus Schonung für die Juden, Spitzbuben und „ungesetzlichen" Leute es verschwiegen haben, daß es sich nur um diese handelt? Hält die „Nat.-Ztg." den Minister des Innern für so zartfühlend, das; er, nm diese Kategorie zu schonen, die wahren Gründe der Maßregel verschweigt und sie der Entdeckung des russischen Freundes der „Nat.-Ztg." vorbchält? Der Minister hat — so erwünscht ihm das auch gewesen wäre — kein Wort davon gesagt, daß es sich um polizeiliche Sicherheitsmaßregeln gegen gefährliche Subjekte handle. Er hat offen und zutreffend erklärt: „Die recht schwer treffende Maßregel ist lediglich geschehen mit Rücksicht auf die politische Sicherheit unseres Staates und mit Rücksicht auf die Pflege des deutschen Wesens und der deutschen Kultur... in den Grenzkreisen der Ostprovinzen." — Das hat er dann näher ausgeführt, hat auf die Zunahme des Polenthnms, auf die nationalpolnischc Propaganda in den Ostprovinzen hiugewicscn und hat, auch als er von der Gefährlichkeit der fremden Elemente sprach, nur ihre politische, ihre „nationale Propaganda" betont, aber kein Wort von Spitzbuben und Inden gesprochen. Diese Entdeckung blieb dem reisenden russischen Freunde, der „Nat.-Ztg." Vorbehalten. Es liegt nicht der geringste Anlaß vor, in die ausführlichen Mittheilungen des Herrn v. Puttkamer in diesem Falle Zweifel zu setzen, zumal der Verlauf der ganzen Sache und die allmählich bekannt werdenden Thatsachen seine Angaben durchaus bestätigen. Auch die Masse der Ausweisungen kann nicht »nehr überraschen, denn Herr v. Puttkamer hat die Zahl der „russischen ttcbcrlänfer" selbst auf rund 30,000 angegeben, von denen etwa 22,000 sich Urlaubskarten erwirkt hatten, er hat aber sofort erklärt, daß auch die letzteren zwar langsam und schonend, aber doch bestimmt ausgewicsc» werden würden. Man niag über die Berechtigung der Maßregel und über ihre Zweckmäßigkeit denken, wie man will, thatsächlich klar liegt ,bic Sache, so klar, daß kein reisender Russe, der sich hier Märchen erzählen läßt, sie verdunkeln kann. Berlin, 24. August. Das erste Opfer der Ministerialverfügung betreffs des Schreibens am Sonnabend ist gefallen. Wie wir s. Z. unseren Lesern mittheiltcn, lies; vor einem Jahre der Direktor des Friedrichs-Gymnasiums, Prof. Dr. Kempf, am jüd. Neujahrsfeste und Bersöhnungstage den Unterricht in der Oberprima aus reinen Opportunitätsrücksichteu ausfallcn. Ob der Herr Direktor damals von der Vorgesetzten Behörde einen Eommentar zu seiner Maßregel zngesandt erhielt, können wir natürlich nicht wissen; nur soviel steht fest, daß. die Hetzpresse auf der ganzen Linie die Lärmtrommel schlug, daß der Stadtverordnete Pickenbach eine Brandrede hielt, daß der Antisemiten-

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