Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449568--22797-2512435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1162 bringt. Auf dem durch die Gotteslehre weise gewordenen Mann ruht der Geist des allweisen Gottes; daher erleuchtet die Weisheit sein Angesicht, und aus seinen Angen strahlt des Geistes Fülle und «rast. Was ist km Vergleiche mit ihm der Mann, der von dem Studium der Gotteslehre sich abwendet und all sein Mühen daran setzt, sein irdisch Gut zu mehren? Den Letzteren wird die Sorge nicht loslanen; er wird nicht wissen, welche Wege er einzuschlagen hat bei den verschiedenen Vorkommnissen des Lebens. Von solchen Menschen spricht Salomo (Kohelcth E. 7, V. 29): tins? nt n«n □'3T nucm irpu nent per mxn n»x D’-frxn rwy im „Gott hat die Menschen gerade erschaffen; sie aber suchen allerlei Pläne." Die Menschen, die es versäumt haben, die Weisheit der Thora zu erlangen, weicher: vom geraden Wege ab lind suchen durch allerlei Pläne vergeblich das rechte Ziel zu erreichen. Durch die Vermehrung von irdischen Gütern hoffen sie glücklich zu werden und vermehren sich nur dadurch die quälendsten Sorgen. „Wer aber," fährt Salomo fort, „ist wie der Weise, der in die Tiefe der Dinge eingedrungen, ihren Zusammenhang erkennt, und stets die richtige Lösung zu finden weiß? Sein Antlitz wird' von der Weisheit erleuchtet und die siegende Gewalt, die aus seinem Auge strahlt, unterscheidet ihn von den übrigen Menschen." Nicht braucht er zu sorgen und zu fürchten; die Weisheit, die er erlangt hat, lehrt ihn stets den rechten Weg gehen, die rechten Mittel suchen und finden. Einst, so erzählen unsere Weisen im Jeruschalmi, Traktat Berachoth, fanden sich auf einem Schiffe viele Kaufleute zusammen, die ihre Waaren in ein entferntes Land bringen und dort vortheilhaft verwerthen wollten. Der Eine hatte goldene uub silberne Geräthe, der Andere edle Steine und kostbares Geschmeide, der Dritte Gewänder von Seide und Purpur, der Vierte Gewürze und Spezereien und die Anderen Jeder etwas Anderes, Unterweges öffneten sie ihre Kisten und Kasten, zeigten einander ihre Schätze und berechneten im Geiste den Gewinn. Auf dem Schiffe befand sich ein Passagier, der keine Waaren mit sich führte. Er war ein Talmudgelehrter, der, durch die Ungunst der Verhältnisse gezwungen, das Vaterland hatte verlassen müssen. Wo sind Deine Waaren, fragten ihn die Andern, die Du in dem fernen Lande zu Markt bringen willst? Meine Waaren, entgegnete er, habe ich auf der Jeschibah gesammelt; ich trage sie alle bei mir . in meinem Kopfe, in meinem- Geiste. Die Andern verhöhnten und verlachten ihn. In der Mitte der Fahrt wurde das Schiff von einem Seeräuber gekapert. Die Waaren wurden geraubt, die Menschen zu Gefangenen gemacht, um als Sklaven verkauft zu werde». Während die Kanflcnte weinten und jammerten, bewahrte sich der Gelehrte die Ruhe seines Geistes. Auf dem Sklavenmarkte kam ein Mann zu ihm und sprach: „Aus Deinem Angesichte leuchtet die Weisheit. Bist Du ein Gelehrter?" — „Ich habe auf der Jeschibah meiner Heimath gelernt," entgegnete der Angeredete bescheiden. — Der Mann kaufte ihn, schenkte ihm die Freiheit und führte ihn in fein Haus. Als die Vorsteher der Gemeinde von der Ankunft des Gelehrten hörten, kamen sie zu ihm und baten ihn, in der Synagoge einen Vortrag zu halten. Er that also und begeisterte Alle durch die Weisheit, die er lehrte. Er wurde eillstimnikg zum Lehrer und zum Rabbinon der Gemeinde erwählt. Und als nun Alle ihm huldigten und ihn ihrer Hochachtung versicherten, da sprach er: „Wenn Ihr mich wirklich liebt und verehrt, so befreit meine Reisegefährten aus der Sklaverei." Bald war die nothwendige Summe zusammengebracht, und es kamen die Befreiten, um dem zu danken, den sie vorher verlacht und verhöhnt hatten. „All unser Gut ist verloren," sprachen sie; „wir sind arm und verlassen im fremden Lande!" — Und der Gelehrte nahm sich auch jetzt noch ihrer an und verschaffte ihnen die. Mittel, die sie zur Rückkehr in die Heimath brauchten. — (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Aus Württemberg, 21. August. In Niederstetten wurden auf dem israelitischen Friedhofe bübischer Weise vier der schönsten Grabdenkmäler zerstört. Berlin, 20. August. Die Ausweisung der hauptsächlich russisch-polnischen Ausländer aus unser» Ostseeprovinzen erregt jetzt, wo sie ordentlich in Gang kommt und große Dimensionen annimmt, von Neuem die öffentliche Aufmerksamkeit und wird vielfach erörtert. Auffallend ist dabei das Erstaunen, welches verschiedene Blätter über die jüngsten Nachrichten in dieser Angelegenheit äußer», die Zweifel, die sie in der Nichtigkeit einzelner besonders eklatanter Fälle setzen. Es gibt in dieser Sache gar nichts mehr zu verwundern und nichts Ueberraschendes,