Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 68, Ein Zentral - Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Heransgegeben von Vr. Lehman« in Mainz. Donnerstag, den SV. August 5645 (1885). Leitender Artikel. Die Sprüche der Jäter. Mainz, 24. August. nosn rcno, ramr nmo. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Jeschibah" ist Sitzen; dann, dort sitzen, wo die Weisen lehren; ein solches, lehrt Hillel, vermehrt die Weisheit. Wer fleißig die Stätten aufsucht, wo die Weisen lehren, um aus ihrem Munde zu hören Worte der Erkenntniß, der mehrt die Weisheit; er lernt die Gesetze der Weisheit kennen und bringt die ihm innewohnenden Seelenkräfte zur richtigen Ausbildung, wie es heißt (Mischte C. 13, B. 20): „Wer mit Weisen umgeht, wird selbst weise." Wer recht viel und häufig die Lehrsäle der Weisen aufsucht, der hört von ihnen die Gründe der Gotteslehre, ihrer Gesetze und Vorschriften; er vernimmt, wie die Widersprüche, die sich zu ergeben scheinen, erörtert und gehoben werden; er lernt, wie die Räthsel gelöst, die Dunkelheiten aufgehellt werden; er wird eingeführt in das Getriebe der Werkstätte des Geistes, lernt selbstthätig schaffen. Und dieses selbstthätige Schaffen, dieses Erkennen der richtigen Normen, dieses Lernen, recht zu denken, die Seelenkräfte richtig anzuwenden, die Auswüchse der geistigen Thätigkeit zu beschneiden, das Uebersprudeln der geistigen Fähigkeiten zu verhindern, die schlummernden Kräfte zu erwecken und das Alles zum rechten Erfassen und zur gesetzmäßigen Anwendung der erfaßten Wahrheiten so wie zur Fortbildung des Ueberkommenen anzuwenden — das ist Weisheit. In der ersten Mischuah unserer Maßechta wird uns berichtet, daß Moscheh die Thora vom Sinai herab empfangen und sie dem Josua und dieser den Nettesten und diese den Propheten und so fort überliefert haben. Wir haben damals erklärt, daß sich diese Mischnah vorzugsweise auf die mündliche Lehre bezieht. Die mündliche Lehre, die Tradition, ist und bleibt eine mündliche Lehre, behält stets den Eharakter der Tradition, selbst nachdem sie in Mischnah und Talmud ist niedergelegt worden. Wer die mündliche Lehre richtig erfassen will, muß den lebendigen Unterricht der Weisen genießen. Er kann wohl für sich allein lernen; allein die Weisheit kann er nur durch die mündliche Belehrung der Weisen erlangen. Die Jeschibah, die Hochschule, ist der Ort, wo Lehrer, Genossen und Schüler sich zusammenfinden. Die Lehrer lehren, die Schüler verstehen nicht gleich und zwingen durch ihre Fragen den Lehrer, sich deutlich auszusprechen. Widersprüche werden gegen das Gesagte erhoben, es finden sich Vertheidiger und Gegner der ausgesprochenen Lehrmeinungen; die fälschlich vorgebrachten Widersprüche werden beseitigt, die berechtigten aber gewürdigt. Neue Gesichtspunkte werden gewonnen, und so wird die Wahrheit eruirt. Daher lehrt Hillel nrar .1212 : nD2n nmo „Wer die Jeschibah mehrt, mehrt die Weisheit." Dieser Ausspruch steht im Gegensätze' zu dem zlveiteu Theile unserer Mischnah runo, d’düj nme :hjn- „Wer die Güter mehrt, mehrt die Sorge." Die Seele des Weisen findet iu der Weisheit das höchste Glück, wie es heißt: (Koheleth E. 8, V. 1): „Wer ist wie der Weise, der da den Zusammenhang der Dinge aufznlöfcn versteht? Die Weisheit des Menschen wird sein Antlitz erleuchten und durch die aus feinen Augen strahlende Seelcnkraft wird er vor andern Menschen ausgezeichnet sein." Die Weisheit wird den Menschen lehren, den geraden Weg zu wandeln, und. er braucht nicht, wie andere Menschen in Sorge zu sein, ob er auch das Rechte erwähle. Andere Menschen mühen sich um unnütze Dinge, deren Erlangung ihnen am Ende nur Unheil