Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1885)
- Date
- 1885-08-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1151 jüngster Zeit so oft bewundert — er schauderte, wenn er sich vergegenwärtigte, welchen Eindruck es hatte auf sie machen müssen. Gott sei Dank, der ihn vor dem Entsetzlichen bewahrt — Ihm wollte er vertrauen, auf Seine Hilfe hoffen mit fester Zuversicht — o, wie kleinmüthig hatte, er sich gezeigt! — wie unwerth der göttlichen Hilfe! Thränen entstürzten seinen Augen und vollständig zerknirscht barg er das Antlitz in den Händen. — Plötzlich sprang er auf und eilte zu dem Schubfache, in dem er alle jene Gegenstände geborgen, die ihn an seinen eigentlichen Beruf hätten mahnen können. Die Kerze war zwar erloschen, doch der Mond schien hell, im Zimmer herrschte Dämmerung. Er schloß das Schubfach auf und nahm sein Gebetbuch, das er seit drei Tagen nicht berührt. Jnnbrüustig drückte er es an seine Lippen, als wäre es sein höchstes Kleinod. Dann schlug er es auf und sprach das Abendgebet mit lauter, doch vor Erregung oft bebender Stimme. „Er, der Allbarnihcrzige, vergibt die Missethat und vertilgt nicht. Er hat schon oft seinen Zorn abgewendet und läßt nicht seinen ganzen Grimm erwachen. Gott, hilf, der König erhöre uns am Tage unseres Rufens." Und als er das Gebet beendet, öffnete er abermals das Schubfach und nahm die gläserne Kapsel heraus. Hell erglänzten im Mondschein die drei Buchstaben des Gottesnamens; doch er schrak nicht mehr davor zurück, er drückte seine Lippen darauf und dann befestigte er sie wieder an dem Thürpfosten. Nun erst sprach er das Nachtgebet und begab sich zur Ruhe. Er fühlte sich so frisch, so leicht, jede Sorge war geschwunden, ihm war, als hätte er das höchste Glück errungen. Er schloß die Augen, nur wenige Minuten und die leisen regelmäßigen Athemzüge ließen erkennen, daß er entschlummert. Er schlief ruhig und lange. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er die Augen aufschlug und in das über ihn geneigte Antlitz seiner Mutter schaute. Im ersten Moment glaubte er zu träumen; doch Frau Lewison neigte sich und drückte einen Kuß auf seine Stirn. „Guten Morgen, liebes Kind." „Guten Morgen, liebe Mama," erwiderte er, sich hastig aufrichtend, „habe ich lange geschlafen? ist es schon spät?" „Du hattest nachzuholen," versetzte sie ausweichend, „aber Du siehst heute Gottlob frischer aus, Du scheinst recht gut geschlafen zu haben." „Ich habe ausgezeichnet geschlafen und bin so schön erwacht; wenn ich an Vorbedeutungen glauben würde, ich würde den heutigen Tag im Vorhinein als einen Glückstag bezeichnen." „Möge der Himmel ihn zu einem solchen bestimmt haben," sagte Frau Lewison. „Ich hatte Dich noch nicht gestört, mein Kind, aber Gebrüder Köhler haben schon vor einer Stunde hcrgcschickt. Einer ihrer jungen Leute ist schwer verwundet; er soll gestern Abend das Wirthshaus in etwas angeheitertem Zustande verlassen haben, über einen Pstasterstcin gestrauchelt und überfahren worden sein. Gebrüder Köhler lassen Dich dringend ersuchen, schon heute eintreten zu wollen. So sehr ich den jungen Mann beklage," fuhr sie fort, „in Deinem Interesse ist mir diese Aufforderung willkommen. Mein Bruder versicherte mich, daß Du dem Posten bei Köhler vollkommen gewachsen bist und das; Deine fortwährenden Vorbereitungen — doch was ist Dir, Kind? Du wechselst so oft die Farbe, fühlst Du Dich nicht wohl?" Hugo war in der That bei der Mittheilung seiner Mutter im ersten Augenblick erblaßt; doch gleich darauf hatte Purpurgluth sein Antlitz überzogen. Jetzt neigte er sein Haupt und zog die Hand der Mutter an seine bebenden Lippen, „Mama," flüsterte er, „ich habe — ich möchte — wenn Du —" „Was hast Du, Kind?" fragte Frau Lewison beunruhigt, „Du bist zu sehr erregt, ist es denn ein so bedeutender Unterschied, ob Du heute eintrittst oder in zwei oder drei Tagen? Das hätte ich in der That nicht geglaubt. Sei doch vernünftig,' rege Dich nicht so auf — Du wechselst unaufhörlich die Farbe." „Du irrst, Mama," versetzte er leise, „es ist mir in der That kein Unterschied, ob ich heute eintrete oder übermorgen — es ist nur weil -- weil —" „Ich verstehe Dich nicht, Kind," cutgegnete Frau Lewison kopfschüttelnd, indem sie einen Sessel zum Bette zog und sich auf demselben niederlicß, „ich fürchte in der That, daß Du Dir durch die übermäßige Anstrengung der jüngsten Tage ein ernstes Unwohlsein zugezogen hast." Sie neigte sich zu ihm und legte prüfend ihre Hand auf seine Stirn, er schlang seine Arme um ihren Hals und barg sein Antlitz an ihrem Busen. „Wegen meiner Gesundheit kannst Du unbesorgt sein, Mama, es wird mir nur so schwer, Dir mitzutheilen, was ich Dir miltheilen muß, weil ich weiß, daß cs Dich sehr schmerzen wird." „Was ist geschehen?" rief Frau Lewison bestürzt, „hast Du Nachricht von Papa?" „Papa befindet sich Gottlob wohl," versetzte Hugo rasch, „doch es handelt sich nicht um Papa