Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1885)
- Date
- 1885-08-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449565--22741-2512376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXVI. Jahrgang. Beilage zu Nr. 85 des Israelit. Leitender Artikel. Amerikanische Briefe. Ein Beitrag zur binwanderungsfrage in Amerika. XI. □ New-York, 29. Juli. Wenngleich die Einwanderungsfrage eine solche ist, welche eher in eine politische oder nationalökonomische als in eine einer Religionsklasse speciell gewidmete Zeitschrift gehört, so will ich doch nicht unterlassen auch in diesen Blättern einmal näher auf die Frage einzugehen. Ich halte es umsomehr am Platze, als ja auch viele Glaubensgenossen, und ganz besonders weniger Bemittelte, in den westlichen Welttheil ihr Vertrauen setzen und von einer Einwanderung in Amerika alles Heil und Glück erwarten. Es läßt sich natürlich nicht leugnen, daß nach den Berichten, wie sie vielfach nach der alten Welt gelangen, jeder weniger mit Glücksgütern Gesegnete in Amerika die Träume verwirklicht zu sehen hofft, die ihm in Europa als unerreichbar erscheinen. Der hoffnungtzsrendige Mensch, dem sich in Europa auch nicht der blässeste Schein von Wohlhabenheit zeigen will, der vielmehr trotz aller Mühe und Plage kaum das tägliche Brod verdient, wie nicht minder der kaunl den Kinderschuhen entwachsene Jüngling hört von Freunden und Bekannten oder liest in Zeitungen die übertriebenen Berichte von dem Goldlaude Amerika, von dem Lande, das ein zweites »21 i:£n ra: p« sein soll, und hat natürlich kein anderes Verlangen als auch dahin zu gehen, wo voraussichtlich eine so glänzende Zukunft seiner harrt. Bei dem weiblichen Gcschlechte wirkt der Zauber einer glänzenden Zukunft in noch erhöhtem Maße, ohne daß sich so viele junge Einwanderinneu (die keine Familie im Lande haben) und ganz besonders deren Eltern darüber klar werden, wie vielen Gefahren ein junges Mädchen in einem fremden Lande äusgesetzt ist. „Reichthum, Geld" ist das Motto unsres Jahrhunderts und schon die geringste Aussicht solches zu erlangen genügt, um bei vielen Menschen Vernunftgründe, die sich etwa bei Berathung der Wege, womit solche erreicht werden sollen, dagegen erheben, zum Schweigen zu bringen. Es läßt sich nicht leugnen, daß für die Classe, welche nach Amerika kömmt, um sich der Landwirthschaft zu widmen, noch immer ein guter Boden vorhanden ist; daß sich auch für de» Handwerker, Arbeiter oder Dienstboten beiderlei Geschlechts, wenn er fleißig und tüchtig in seinem Fache ist, meistens eine lohnende Beschäftigung findet; allein für die weitaus größte Zahl der Einwanderer, der Kaufleute, ist es zur Zeit absolut verfehlt in Amerika eine bessere Stellung zu erhoffen oder gar eine glänzende Zukunft zu erwarten. Der werthe Leser wird nun die Frage einwerfcn, woher kommt es, daß bei solchen Verhältnissen viele Freunde und gewiffe Zeitungen nicht ablassen, so glänzende Berichte über die Verhältnisse zu schreiben? Ehrliche Zeitungen und wohlmeinende Freunde warnen schon lange vor einer plan- und ziellosen Einwanderung; Amerika hatte früher gute Zeiten und solche werde» so G. w. auch, hofft, sogar bald wiederkommen: allein jetzt sind die Geschäftsverhältnisse derart, daß man sie weder mit rosig noch mit gut bezeichnen kann. Wenn auch in früheren Jahren eine große Anzahl Einwanderer Reichthümer auzuhänfen' so glücklich waren, so darf man nie außer Acht lassen, daß die Schätze der Bewohner Europa's nicht minder zugenommen haben; wem das „Massel" in der alten Welt lächelt, dem geht es so gut wie seinem Eollegeu in Amerika. Was nun in früheren Jahren wie auch jetzt wieder ein Hauptgrund ist, weshalb so viele Leute zur Einwanderung veranlaßt werden, das ist die „Prahlerei" so vieler ehemals Eingewanderter, die nach der Heimath besuchsweise zurückkehren. Der wirklich Reiche tritt viel bescheidner als der au „Großheitssucht" Leidende aus, und wer einen nach Europa Kommenden von dieser Klasse frägt, wird meine Behauptungen bestätigt erhalten. Der Leser wird nun fragen, wie kann denn ein Mann mit Familie, der so ohne Hintergrund prahlt, es mit seinen Verhältnissen in Einklang bringen, nach Europa zu reisen und dort einige Monate zu bleiben? Darüber möchte ich an einem Beispiel, das der Wirklichkeit entstammt, Ausschluß gebe». Vor langer, langer Zeit, als ich noch nicht lange im Lande war, lernte ich unter Anderm auch eine Familie kennen, die mir ihren Plan, den Sommer in Europa zu verweilen, miltheilte. Die