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Der Israelit · 1885-08-17 · Heft 65 (17.8.1885) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 65 (17.8.1885)
Date
1885-08-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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' 1110 „Ich glaube. Du hast den ganzen Tag nichts genossen," sprach Frau Lewison besorgt, „ich eile, das Essen hercinzubringen." „Nebcreile Dich nicht, Maina," bat Hugo, „"wenn Du erlaubst, trinke ich noch ein wenig Wein." „Ä)ne das, liebes Kind," entgegnete ste, indein sie das Zimmer verließ, und als sie nach wenigen Minuten mit der dampfenden Schüssel znrnckkehrte, hatte Hugo die volle Flasche geleert und plauderte und scherzte in heiterster Weise mit den Geschwistern. Frau Lewison war glücklich, ihn so zu sehen; sein bleiches verstörtes Aussehen vorhin hatte sie doch geängstigt. Unter heiteren Gesprächen ward das einfache Mahl eingenommen, so lebhaft, so muthwillig wie heute hatte Frau Lewison ihren ältesten Sohn nie gesehen. Sie wähnte, die Freude über die so lange ersehnte Anstellung habe ihn in diese Stimmung versetzt und fühlte sich glücklich in seinein Glücke. Doch es war nur die Folge des ungewohnten Weingenuffes, durch den er die ihn marternden Gedanken hatte verscheuchen wollen. Als die jüngeren Geschwister sich zur Ruhe begeben hatten, Hugo noch allein an der Seite der Mutter saß, und Frau Lewison wieder davon sprach, wie der Vater sich freuen würde, daß Hugo an ihrem Wohnorte eine so ausgezeichnete Stelle gefunden, und wie der Vater sich werde schonen und pflegen können, da ward Hugo doch allmählich stiller und stiller — was würden die frommen Eltern sagen, wenn sie wissen, um welchen Preis er den Posten erhalten! — Müdigkeit vorschützend zog er sich bald in sein Zimmer zurück. Er fühlte sich in der That erschöpft; er wollte sich niederlegen, wollte sofort das Nachtgebet beginnen. Doch schon nach wenigen Worten versagte ihm die Sprache. Nein, nein, er konnte nicht beten zu Ihm, dessen heiligstes Gebot er fortan übertreten wollte, übertreten zu müssen glaubte, um Eltern lind Geschwistern Brod zu verschaffen und den; kränkelnden Vater die so nothwendige Pflege. — Und doch — und doch — warum konnte er nicht beten? — Aber er konnte es nicht — nein, er konnte es nicht. — Hastig entkleidete er sich, mit einer Art von Ingrimm riß er sich das viereckige Gewand mit den Schaufäden von den Schultern, ballte es zusammen und schleuderte es in die entfernteste Ecke des Zimmers. Sie sollten ihn nicht beständig mahnen an das geoffenbarte Wort des Unsichtbaren — ihn dürfte cs fernerhin nicht kümmern,. er mußte mit seiner Vergangenheit brechen. — Und doch — und doch — der Mond schien so hell, sein Strahl fiel gerade in jene Ecke, wohin er das viereckige Gewand geschleudert, und die Schaufäden lagen langgestreckt auf dem Fußboden, den des Mondes Silberschein erhellte, so daß er die einzelnen Fäden hätte zählen können. — Aber er wollte sie nicht zählen, wollte sie nicht ansehen, nie wieder. — Grimmig änderte er die Stellung, so daß sein Auge jener Ecke nicht mehr zugewendet war. — Doch, was war das? — wohin fiel nun sein Blick? — von dem Thürpfosten her erglänzte es in gläserner Kapsel; er konnte es nicht sehen, aber er wußte, was sie umschloß. Wie ein Aechzen enttang's sich seiner Brust. Er wollte nichts denken, wollte an nichts gemahnt sein, und alles mahnte ihn. — Doch morgen Abend gleich nach Schluß des Sabbat wollte er jene Kapsel dort entfernen und auch die aufdringlichen Schaufäden sollten in's Feuer. — Und damit wollte er warten, bis der Sabbat zn Ende? — was kümmerte ihn der Sabbat? — er lachte hell auf, so grell, daß ihn schauerte ob seines eigenen Lachens. (Fortsetzung folgt.) „Der Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Breis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Ma:?, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen cin. — Inserate 25 Pfennige die drcigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direcie Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Die Sprüche der Väter. — Umkehr. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Stuttgart. Berlin. Hammerstein. Aus Schlesien. Cassel. Frankfurt a. M. Homburg v. d. H. — Oesterr.-Ung. Monarchie: Wien. Reupesth. Aus Beresna. — Feuilleton: Die Versuchung. — Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Amerikanische Briefe. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Oesterr.- Utigar. Monarchie: Pcsth. — Italien: Pompeji. — Frankreich: Paris. — England: London. Birmingham.— Rußland: Warschau. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnifle. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" gr. Bleiche 45. Druck und Verlag von OSear Lehmagn in Mainz. (Hierzu zwei Beilagen.)

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