Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1885)
- Date
- 1885-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1111 fett des Rufes, der aus dem Schofar so ntächtig heraustönt, anerkennen, würdigen, beherzigen? Wohl sollten die äußeren Verhältnisse der Juden schon jeden Edelgesinnten welchen Glaubensbekenntnisses immer ernst stimnien. Denn jene Verhältnisse, die man künstlich, auf den Unverstand der Menge und die Gleichgiltigkeit der Großen rechnend, allenthalben anbahnt, was bedeuten sie anderes, als daß man im Menschen den Menschen verkennen, verachten lehrt; als daß man Wege einschlägt, die von der geraden Bahn cultnreller Entwickelung ganz abseits liegen? Wie ernst müssen solche Versuche der Feinde des menschlichen Eulturfortschrittes erst die Juden stimmen, die Inden, die nian so schmählich verdächtigt, so hart verfolgt, um sich den Pfad der dunklen Pläne und Vorsätze zu ebnen, um aus demselben leichter rückwärts schreiten zu können in die seligen Zeiten des Faustrechts. Führwahr, der müßte verstockten Gemüthes sein, der angesichts dieser Verhältnisse dem Rufe nach Umkehr, nach Umkehr aus dem Versinken in Habsucht und Geldgier zu höherer, geistiger Pflichterfüllung nicht Folge leistete. Weit ernster müssen jedoch die Erscheinungen int Judenthume selbst die besser Denkenden stimmen. Die Erscheinungen im Judenthume! Wohin wir blicken, überall Zeichen des Verfalls, der Zerrüttung. In den großen Städten haben sich nur noch Erinnerungen an die jüdischen Sitten erhalten. Die Stätten der Andacht, des Thorastudiums, einst reich an Besuchern, wie leer, wie verlassen und öde! Der Sabbat, der höchste religiöse Gedanke in der erhabetisten Form, ist in einen Tag der Arbeit verwandelt, denn Ruhe als geistige Sammlung ist den Menschen fremd geworden. Ruhen heißt jetzt die Sorgen der Woche von sich weisen, um einen halben Tag ausschließlich dem Vergnügen zu widmen. Und die vielgerühmte Heiligkeit des jüdischen Familienlebens und die sittliche Kraftfülle, die den Bestand des Judenthums sichert, ist' sie nicht tu den Kreisen, wo die Satzungen und Gebräuche der jüdischen Religion nicht eingehalten werden, im Schwinden, in Abnahme begriffen? Darum weg mit aller kleinlichen Bedenklichkeit, weg mit aller Zaghaftigkeit, weg mit. aller Gleichgültigkeit und weg mit aller Klügelei! Es gilt die höchsten, heiligsten Güter des Judenthums zu retten, iteu zu begründen in unserer Mitte: Bildung des Geistes durch dasStudium der heiligen Lehre,durch Vertiefen in den reichen Schacht des jüdischen Schriftthums; Bildung des Herzens durch Andacht, durch Gottesdienst, der nicht allein im Gebete besteht, zumal nicht itt Sypagogenmusik, sondern in der Heiligung unserer Gedanken und Gefühle zum Dienste Gottes, der da ist ein Dienst des Rechts, der Gerechtigkeit und Menschenliebe; Wiederherstellung der Sabbatheiliguug als Familienfeier, nicht als eines Ruhetages der Menschen, sondern als des von Gott eingesetzen Sabbat. Denn der Sabbat ist die köstlichste Frucht am Baume des Judenthums. Wird er entehrt, zum Tag der Arbeit herabgedrückt, so schwindet die Idealität des jüdischen Lebens, und es tritt an die Stelle ungestümes Begehren, krasser Materialismus. Und wenn wir diese Güter, Thorakenntniß, Gottesdienst und Sabbat in ihre frühere Würde eingesetzt und zu ihrem früheren Ansehen gebracht, dann wird sich neu beleben die Mische Moral und wiedererstarken wird die sittliche Kraftfülle, die uns gegen alle rohe Gewalt von Außen sicheren, unverwüstlichen Bestand gewähren, und Israel wird wieder sein ein heiliges Volk. Dem Einzelnen iu Israel liegt es ob, dem Rufe des Elnl folgend, an seiner sittlichen Vervollkommnung unablässig zu arbeiten, um als Vorbild für seinen Kreis zu dienen, wie jene religiösen Güter im Leben bethätigt werden sollen; aber auch der Gesammtheit, ihren Vertretern und Führern liegt die Pflicht ob, nicht dem falschen Geist der Zeit, der im Grunde der Herren eigener Geist ist, willig Gehör zu schenken, sondern beu Ruf des Elnl, der so mächtig aus allen Erscheinungen des modernen Judenthnms heraustönt, ernstlich zu beachten, den Ruf nach Umkehr aus eitler Verblendung und thörichter Selbstvergötteruug zu beut Pfade, auf dem allein Heil und Segen für Israel, für's Judenthnm, für die ganze Menschheit ersprkcßt. — r— Literarischer Bericht. Deutsche Schreib-Lese-Fibel nach der analytisch-synthetischen Lcseinethode. 1. Fibelstoff. 2 Lesestücke. Ausgabe A. (l. Theil) von Raphael Cohn, Lehrer an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Berlin 1885. Stuhr'sche Buchhandlung. (S. Gerstmann.) Das Erscheinen dieser Fibel wird gewiß in der ganzeit israelitischen Lehrerwelt mit Freuden begrüßt werden, da durch dieselbe eine längst gefühlte Lücke iu unserer Lehrbücher-Literatur ansgefüllt werden soll. Die Deutsche Schreib-Lese-Fibel dort Raphael Cohn hat von allen anderen Fibeln, aus denen mehr oder weniger christliche Tendeuzeit hervortreten, zunächst den Vorzug, daß sie nichts konfessionelles enthält, und gleichwohl geeignet ist, den fromnten Sinn des Kindes zu weckeit und sein Gemüth zu veredeln. Sie ist nach der Rormalworter-Methode bearbeitet, welche als die anerkannt beste gilt. Trotz