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Der Israelit · 1885-08-17 · Heft 65 (17.8.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 65 (17.8.1885)
Date
1885-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1110 preußische Armee gen Frankfurt zog, durchschwirrten die schrecklichsten Gerüchte die Stadt. Eine reiche Frau stand am Fenster und sah die Bundestruppen, die den Preußen entgegenrückten, vorüberziehen. „Ihr Glücklichen," rief sie, „ihr habt nichts zu verlieren als euer Leben!" Die arme, reiche Frau hatte außer ihrem Leben noch 600,000 Gulden zu verlieren!! Das unablässige Streben nach Neichthum macht den Menschen unfähig, sich mit dem Höchsten und Wichtigsten zu beschäftigen. Es zieht ihn ab von der Gotteslehre, es verblendet ihn, so daß er in Gefahr geräth, die Grenzen zwischen dem Erlaubten und Unerlaubten nicht immer richtig zu beachten; es bringt ihn in Gefahr, die Sabbate und Feiertage nicht so zu beobachten, wie es vorgeschrieben ist. Auch erreicht der Mensch häufig nicht Dasjenige, was er mit heißem Mühen erstrebt. Dieses Streben verleitet ihn nur zu oft zu gewagten Spekulationen, so daß er das mühsam Errungene gar zu leicht wieder verliert. Wer von der Sucht nach Neichthümern befangen, ist ein unglücklicher Mensch. Die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens treten bei ihm vor dem einzigen Verlangen, zu gewinnen und zu besitzen, zurück. Er hat kein Herz für die Seinen; das Wohlergehen der Gattin und der Kinder kümmert ihn weit weniger als das Gelingen seiner gewinnsüchtigen Pläne. Der Tag vergeht unter unablässigem Haschen nach Gewinn und bei Nacht verscheucht die Sorge um etwaige Verluste den Schlummer von seinem Lager. Er hat keinen Sinn für das Gemeinwohl. Ihn kümmert nicht das Wohl oder das Weh seiner Mitmenschen; er betrachtet sich und seinen Erwerb als den Mittelpunkt der Welt. Und, wenn er erreicht hat, was er gewollt, so wird er dennoch nicht zur Ruhe und zum ruhigen Genüsse seiner Habe gelangen. „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Wünsche still." Gerade der große Besitz wird ihn ansporne», noch bedeutend größeren zu erwerben und ihn mit immer neuen, stets wachsenden Sorgen erfüllen. Und so heißt es auch in der heiligen Schrift (Kohelet C. 5 V.!)): rpD rpaanN „Wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht satt werden." tan n: m „auch das ist eitel;" oder nach einer andern Erklärung (siehe Naschi zur Stelle): Wer das Geld als solches liebt (und es nicht als Mittel zum Zwecke, sondern als Selbstzweck betrachtet), wird vom Gelde nicht satt werden; das heißt, er wird nicht im Stande sein, das Erworbene zu genießen, er wird trotz seines Reichthums allerlei Entbehrungen leiden. — Ein solcher ist noch unglücklicher; er hat \ von seinem reichen Besitze keinen Genuß, sondern nur die quälende Sorge. Ihm wird der Reichthum zum Fluche. Daher warnt Hillel mit Recht: „Mache nicht das Streben nach Neichthum zum Inhalte deines Lebens n»n ray d'duj nmo „Wer die Güter mehrt, mehrt nur die Sorge." Glücklich ist dagegen Derjenige zu preisen, der die ihm verliehenen Reichthümer nur als Mittel zum Zwecke betrachtet und sie nicht höher schätzt als sie cs verdienen. Ihn wird die Furcht vor dem Verlust derselben nicht beschleichen, ihm wird die Sorge nicht das Leben verkümmern, er wird nicht ausschließlich darnach trachten, sein Vermögen zu mehren; er wird es vielmehr verwenden zu seinem eigenen Heile und zum Wohle seiner Mitmenschen. (Fortsetzung folgt). Umkehr. Das Schlagwort, das uns der Elul gebracht, heißt: Umkehr. Wie Schlagwörter anderer Art, wird es mit mächtigem Klange angekündigt. Schosartöne, vollklingende Töne sind es, die ihm den feierlichen Einzug in unsere Geister und Herzen eröffnen sollen. Allein, wie ganz anders wirkt dies Schlagwort ein! Nicht berauschend und betäubend, nicht den Geist fesselnd und das Herz erdrückend, sondern reinigend, verklärend, heiligend. Und fürwahr, nach Monaten des mühseligen Ringens und geschäftigen Treibens um materielle, irdische, vergängliche Güter thnt es dem Geiste und Gemüthe des Menschen noth, sich zu sammeln, zu bedenken, daß es seine heilige Pflicht als Mensch, als Jude ist, über vergängliche, nichtige Güter die wahren und ewigen nicht zu vergessen, nicht aus dem Gesichtskreis seiner Bestrebungen zu verlieren. Und wie einst in der Urzeit des Judenthums der Elul dem israelitischen Stamme die Tafeln des Gesetzes wieder brachte, nachdem das Anhängen an dem Götzen von Gold die Zertrünunerung derselben . zur Folge gehabt hatte, so soll auch der Elul heute noch allen Denen, welche die Tafeln des Gesetzes mit eigener Hand zertrümmern, weil sie sich innerlich befriedigt dünken in dem alleinigen Dienst des modernen Goldgötze», die Gesetzestafeln wieder bringen. Darum denn der ernste Ruf dieses letzten der Monate: Umkehr! Und dieser Ruf, er ergeht an den Einzelnen wie an die Gesammtheit in Israel. Wer, so er nur einigen Sinn für's Judenthum treu im Herzen bewahrt, würde nicht, bei Betrachtung der äußeren Verhältnisse und der Erscheinungen im Judenthume selbst, die Dringlich-

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