Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1885)
- Date
- 1885-08-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1075 Amerikanische Ariefe. VII. □ New-Jork, 22. Juli. Wenn heute der Zwist Kohlcr-Kohut wiederholt Gegenstand meiner Besprechung bildet, so geschieht es, um anläßlich dieser Gelegenheit mich mit einem Manne zu beschäftigen, der sich berufen glaubte, auch in dieser Sache sich hören zu lassen. Rabbiner (?) Dr. Wise in Eincinatti, der den Lesern ds. Bl. sicher bekannt ist, hat in seiner Zeitung das Wort ergriffen und natürlich sich auf Seite der Schweinefleisch- und Antibeschneidungspartci gestellt. Bevor ich jedoch des Näheren auf die Leistungen dieses Helden eingehe, möchte ich erwähnen, daß dieselben Herren, denen der große Mann in Ohio seknndirt, ebensowenig von ihm willen wollen, wie seine conscrvativcn Gegner. Dr. Wise ist bekanntlich Direktor eines sogenannten Rabbinerseminars und seine New-Aorker Kollegen und Gesinnungsgenossen haben vor seiner und seines Instituts Thätigkeit eine so hohe Achtung, daß sie ihre jungen Freunde in eine europäische, statt in seine Lehranstalt, zum Studium schicken; jüngst gingen erst zwei von Gottheit protegirtc Zöglinge nach Berlin. Das beweist mehr als eine seitenlange Charakteristik. Dr. Wise ist aber auch Herausgeber einer jüdischen Zeitung, natürlich im Sinne des Wisc'schcn Judenthums. Während er nun einerseits in allen Tonarten auf die Orthodoxie schimpft, findet er es doch angemessen, recht oft Korrespondenzen ans dem „Israelit" und andern orthodoxen Blättern abzudruckcn, ohne zu sagen, woher die Artikel kommen. Zur Sache selbst übergehend, glaubte der Herr Direktor nun auch in dem New-Aorker Disput seine Stimme abgcben zu müllcn, und so holte er denn seinSeccirmesser hervor, um die alten Schnitte, die er in früheren Jahren an arrap 'n und ns min vorgenommen und die so rasch vernarbten, wieder zu erneuern. Einem gewandten Doktor, wie W., ist es natürlich leicht zu schneiden, allein seine Schnitte heilen rasch zu und nur das eine Bedauerliche bleibt, daß er auf einen Theil unserer Glaubensgenossen in Eincinatti noch Einfluß hat. Allein auch dieser geht zur Neige, so rasch wie er bei seinen Kollegen abnahm. Der Artikel, mit welchem W. sich in die hiesige Angelegenheit mischte, betont, daß man in New-Aork schon wieder Rückschrittsideen zu verwirklichen suche, die auch unter den Engländern, Nüssen und Polen in New-Aork Beifall finden, allein bei Deutschen und Amerikanern sei nicht daran zu denken. Nachdenl er Loblieder auf die Freisinnigkeit der Deutschen und Amerikaner, die die Mehrheit bilden, angcstimmt, kommt der gelehrte Rabbi zu der Bcmerknng, daß die Ketten gefallen, und daß er und seine Freunde sich nicht mehr zu Sclavcn des mip \rkw machen lassen. Er fährt wörtlich fori: „Wir haben die Kinderschuhe ausgezogcn, unsere Einrichtungen sind j.“ud, sie sind n&i ipiy, unsre Orgel, unser gemischter Chor, dasZusamniensitzcii von Herren und Damen, das Hntabnchmen im Tempel, das Nichtanlcgcn von Hc u. s. w. sind für uns so rechtskräftige D'jtnss wie die von o’Hcm nipo li. s. w. Ich weiß nicht, soll man derartige Ergüsse eines Mannes, der die Stirn hat, ein Lehrer der Religion Israels zu sein, einer Antwort würdigend Ich will auch nicht lange die Geduld des Lesers in Anspruch nehmen, und nur wenige Worte dem Genossen des chemal. Rabb. Stern in Butrenhaufc« widmen. Der Herr Doktor spricht von dem Fortschritt der Deutschen und Amerikaner, die engl., poln. und russ. Juden als Rückschrittler denunzirend. Haben der gelehrte Mann in seiner Gemeinde schon Umschau gehalten, daß ja kein Dollar aus der Letzteren Tasche in seinem Salair sich unterschiebt? Wozu braucht denn eine Gemeinde, die solchen Tendenzen wie W. huldigt, einen Seelsorger? Warum ist der Herr Doktor nicht so ehrlich dies znzngcstehen? Wenn die Satzungen des 'p nicht mehr bindend sind, dann hat W. sich wahrscheinlich selbst einen Glauben zurecht gelegt und er ist der Begründer einer „Wiscn-Religion". Die Folgerungen ließen sich viel weiter führen, allein cs ist Schade für das Papier, das man an einem solchen Priester vcrschwendet. Und dieser Mann ist Leiter eines Rabbinerseminars. Fürwahr, es ist Zeit, daß man sich aufrafft und solchen Nachfolgern des ojfa die Thüre weist. Tie Frechheit, mit der solche Leute die Religion, deren Vertreter sie sein sollen, begeifern, fängt schon an in ehrlichen christlichen Kreisen Aufsehen zu erregen und anzuckeln, während die Antisemiten sich vergnügt die Hände reiben. Was bleibt vom Jndcnthum nach den Theorien eines Wise? Auf die dumme dreiste Behauptung, daß der 'y V, die Anordnungen d^hd’n zwo u. s. w. für ihn nicht maßgebend sind, frage ich, von wein sind die Gebote bezüglich ytn, rott», Hyn und riDio li. s. lu.? Sind dieselben nicht minn jo und hält die der Doktor? Unter dem Titel „New-Aorker jüdische Zeitung" erscheint seit einigen Wochen eine in hebräischen Lettern gedruckte Wochenschrift in jüdisch-deutscher Sprache. Das Blatt verspricht eine streng orthodoxe Richtung und hat auch aus der Feder des