Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1885)
- Date
- 1885-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1074 berichtet. Dagegen bekämpfte der größte griechische Philosoph, Aristoteles, diese Lehre auf das Entschiedenste. Er machte namentlich dagegen geltend, daß Seele und Körper im innigste» Zusammenhänge stehen, und daß sich die Seele durchaus nicht gleichgiltig gegen ihre äußere Form, die wir Körper nennen, verhält. Muß die Seele dem Körper und der Körper der Seele entsprechen, so kann von einer Scelenwanderung nicht die Rede sein, und jede Seele könnte nur in den Körper zurückkehren, der für sie geeignet' ist. — Es ist nun die Frage zu erörtern, Vüic ficl) das Judcnthum zu dieser Lehre verhält. Wir wollen gleich hier mittheile», daß diese Frage eine offene ist, daß gewichtige Gründe sowohl dafür, als auch dagegen sprechen, daß also Jemand ein guter Jude sein und an diese Lehre glauben kann, daß aber viele nicht minder gute Inden diese Lehre verwarfen. Don Jkzchak Abarbanel, wie so viele andere große Männer in Israel, ein Anhänger der Lehre von der Seelenwandernng, gibt für dieselbe drei Gründe an: Erstens sei oftmals das Leben zu kurz, als daß der Mensch in demselben die nöthige Vollkommenheit für das ewige Leben und die ewige Seligkeit zu erlangen vermöchte. Daher gestatte Gott in Seiner unendlichen Gnade, daß die unsterbliche Seele in einen irdischen Körper znrückkehre, um die nothwendige Vollkommenheit zu erreichen. Der zweite Grund sei der, daß einem verfehlten Leben Gelegenheit geboten werde, von vorne anzufangen und Besseres zn erreichen. Der dritte Gründ bestehe darin, daß die Seele eines Verbrechers, der ohne Rene und Sühne gestorben, in einem andern Körper auf dieser Welt die gebührende Strafe erleide, damit sie nicht der ewigen Verdammniß auheimfalle. Die Gründe, die gegen die Annahme der Lehre von der Seelenwandernng sprechen, sind die folgenden: Zunächst finden wir weder in der schriftlichen noch in der mündlichen Lehre davon eine Spur, es sei denn eine solche, die künstlich hiuciugetragen wurde. Es ist schwer anzunehmen, daß der Talmud sich über eine so wichtige Theorie, wenn sie wirklich jüdisch wäre, nicht deutlich ausgesprochen hätte. Wohl finden wir manche wichtige Lehre, ja Grundlehre des Judenthums in der heiligenSchrift nur angedeutet,'dagegen werden dieselben im Talmud ausführlich gelehrt und erörtert. Von der Seelenwandernng ist aber weder in der heiligen Schrift noch im Talmud die Rede. Dagegen scheint eine der Grundlehren des Judenthums, die Lehre von der einstigen Wiederbelebung der Todten, geradezu gegen die Theorie von der Seelenwandernng zu sprechen; denn, wenn die Seele auf Erden verschiedenen Körpern angehört hat, in welcher Form soll dann die Wiederbelebung stattfinden? Für die in Rede stehende Theorie spricht die Kabbalah. In den kabbalistischen Büchern wird uns sogar mit großer Bestimmtheit von bedeutenden Männern angegeben, welche Seele oder gar welche Seelen zum zweiten Male in ihren Körpern Raum gefunden. Gerade der Umstand, daß angegeben wird, zwei oder noch mehr Seelen bereits Verstorbener wären durch einer Reugebornen wiederum in die Welt gekommen, veranlaßt uns, in dieser Frage einen philosophischen Standpunkt eknzunehmen, der beiden entgegenstehenden Ansichten gerecht wird. Es kömmt nälnlich häufig vor, daß ein Mann eine Idee oder mehrere Ideen vorzugsweise durch sein ganzes Leben zur Vertretung bringt, die vor ihm schon von Andern vertreten worden sind. Wenn die Kabbalisten lehren, daß die Seele unseres großen Lehrers Moscheh aus den Seelen des Seth, des dritten Sohnes des ersten Menschen, und aus der-Roachs, des zweiten Vaters der Menschheit, bestanden, so soll damit unserer Meinung noch Folgendes gelehrt werden: Seth, der Sohn Adams, war das vollkommenste Ebenbild seines Vaters, der seinerseits im Ebenbilde Gottes erschaffen war. Dem jüngsten Sohne Adams war die vollendetste natürliche Beanlagung von allen vorn Weibe geborenen Menschen zu Theil geworden. Noach dagegen erwarb sich durch eigenes Verdienst, inmitten einer verderbten Menschheit, die Gnade des allmächtigen Gottes. Die große natürliche Beanlagung einerseits — heißt cs doch schon bei seiner Geburt asb ’a snsx tons — und die durch eigenes Verdienst errungene unendliche Gnade Gottes, das sind die hervorragendsten Eigenschaften unseres großen Lehrers Moscheh und in diesem Sinne repräsentkrte seine Seele gleichsam die Seelen von Seth und Noach. Mag man nun von der Lehre der Seelenwanderung denken, wie nian will, so scheint uns jedenfalls Rabbi Lippmann Heller, der Verfasser der Toßaphoth Jom Tob, im Rechte zu fein, welcher gegen die Erklärung, daßHillel in unserer Mischnah die Seelenwanderung angedentet habe, und daß unsere Mischnah demgemäß zu erklären sei, aus das Entschiedenste protestirt. Er sagt: rurwri p ,Dws Nsr tnpon pw n» roascn njjßffD *tc w „Gerade so wie bei einem Bibelverse der einfache Sinn der richtige ist, so darf auch bei der Mischuah nur der einfache, allgemein verständliche Sinn geltend gemacht werden. (Fortsetzung folgt.)