Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1885)
- Date
- 1885-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449561--22662-2512293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Freude am Dasein uns trüben und uns dadurch vielleicht unfähig machen, die uns obliegenden Pflichten zu erfüllen. — Was sagt denn der Onkel?" „Ich war gar nicht in seinem Hause, ich traf ihn schon vor der Stadt bei der Brücke. Er sagte mir, daß die Leute gern bereit waren, mir den Posten zu übertragen, dag ich aber wie alle Andern am Sabbat in's Geschäft kommen müsse. Der Onkel meint, daß ich mit meinen Anforderungen überhaupt keine Stelle finden werde." „Wer wird sobald den Muth verlieren! Habe nur Geduld, es wird sich sicherlich etwas für Dich finden. Sagtest Du mir nicht von noch einer anderen Stelle, auf die Dir Aussicht gemacht wäre?" „Aussicht — Aussicht! — nun ja, ich habe hier auch die Aussicht auf alle die schönen Gärten und Landhäuser ringsum, — aber ich bekomme sie doch nicht. Ebenso wird es mit der Stelle bei Gebrüder Köhler sein. Ich war dort, habe mit dein einen Ehes gesprochen, der Andere war verreist. Er war sehr freundlich, hatte schon gehört, daß ich ein tüchtiger Arbeiter bin und würde mir gern den Posten übertragen, er hätte auch nichts dagegen, mir am Sabbat frei zu geben. Aber er hatte nicht allein darüber zu verfügen, und sein Bruder wäre ein bischen Tifficil, darum sollte ich Morgen wieder hinkommen. Sein Bruder komnit nämlich heute Abend. Ich werde natürlich hingehen, aber ich mache mir nicht die geringste Hoffnung." „Das ist jedenfalls recht, so wirst Du nicht enttäuscht werden; aber unverhofft kommt oft, und wenn wir gar keinen Ausweg sehen, dann zeigt sich uns gar oft das Eingreifen der göttlichen Allmacht. Darum verzage nicht, mein theures Kind, Du bist noch nicht achtzehn Jahre alt —" „Alt genug und auch kräftig genug, Eltern und Geschwister zu ernähren, so lange Papa noch schwach ist. — Aber so unthätig herumgehen zu müssen, zuseheu zu müssen, wie Du arbeitest und Dich anstrengst. — Erlaube mir eine Frage, liebe Mama, von was leben wir gegenwärtig?" „Ich habe meinen Schmuck und unser Silber verkauft." „Und wie viel hast Du noch von dem Erlös?" Frau Lewisons blasses Antlitz überzog sich mit einem feinen Roth. „Das ist schon die zweite Frage" sagte sie trübe lachelud, „aber ich will sie beantworten. Ich habe noch zehn Gulden." „Und wenn auch diese aufgezehrt sein werden?" fragte Hugo mit angstvoll bebender Stimme, „von was werden wir dann leben?" Frau Lewison zuckte die Achseln. „Gott wird uns helfen," sprach sie mit leiser aber fester Stimme. Kennst Du nicht den Schlußsatz des Tischgebetes? „Ich war jung und bin alt geworden, doch nimmer sah ich den Frommen verlassen und seine Kinder Brod verlangen." Ich habe felsenfestes Vertrauen zu Ihm, Er wird uns helfen." „O, Mama!" schluchzte Hugo, die zarte und doch so starke Frau umschlingend „leihe mir Dein starkes Herz." Sie zog ihn fester an sich und drückte einen Kuß auf seine Stirn. „Mein Hugo, mein guter, braver Sohn — Du hast ja auch ein starkes, auf Gott vertrauendes Herz — sonst hättest Du Deinen Posten nicht ausgegeben — wie bin ich so stolz ans Dich — nur verzage nicht! —" „Ich verzage nicht," murmelte Hugo, „so lange es sich um mich allein handelt, aber —" „Nun Hugo, st.! so darf man nicht reden; ein verklansulirtes Vertrauen ist keines." (Fortsetzung folgt.) „Der Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, MontagSundDonnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bozen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig. halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 6 st. Lsterr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Die Sprüche der Väter. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Karlsruhe. Kassel. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Ungarisch-Hradisch.— England: 2mal London. — Rußland: 2mal Petersburg. — Amerika: New-Uork. — Palästina: Jerusalem. — Algerien. — Feuilleton: Die Versuchung. Inhalt der Beilage: Telegramm: Namsgate. — Leitender Artikel: Beiträge zur talmudischen Sprach- und Sachkunde. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Pose». — Orst.-Nng. Monarchie: Pefth. Roman. — Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „JSraelit" gr. Weiche 45. Druck und Verlag von Oscar Lehmann in Maüy. (Hierzu zwei Beilage«.)