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Der Israelit · 1885-07-30 · Heft 60 (30.7.1885) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 60 (30.7.1885)
Date
1885-07-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1020 Feuilleton. Die Mrsuchung. Von Friedrich Rott. I. „Sagen Sie mir doch, liebste Frau Lewison," sprach Frau Herz, als sie an der Seite der Freundin in den schattigen Laubgängen des an die Lewison'sche Wohnung grenzenden Gartens lustwandelte, „sagen Sie mir doch, was hören Sie von Ihrem Herrn Gemahl? Wie bekommen ihm die Bäder in W...?" Frau Lewison athmete tief auf, es war fast wie ein Seufzer. „Mein Mann schreibt mir, daß er sich recht wohl fühlt; hoffentlich entspricht diese Versicherung der Wahrheit." „Warum wollten Sie daran zweifle»? Herr Lcwisohn ist keiner Unwahrheit fähig." „Wer wüßte das besser als ich? Es kommt jedoch darauf an, was man unter dem Worte „wohl" versteht. Mein armer Mann! — er hat in diesem Frühling so sehr gelitten — oft so furchtbar — aber wenn ich ihn fragte, wie er sich fühle, oder wenn er in meinem Blicke diese Frage oder ängstliche Sorge zu lesen glaubte, dann versicherte er stets mit dem freundlichsten Lächeln, daß er sich recht wohl fühle." ' „Arme, arme Freundin!" — sprach Frau Herz, die Hand der Andern voll Thcilnahme drückend, „Sie hätten aber Ihren Herrn Gemahl nicht allein reisen lassen sollen; ich fürchte, Sie haben keine ruhige Minute, bis er wieder hier ist. In der That, folgen Sie mir, meine Liebe, überraschen Sie Herrn Lcwisohn." „Ja, wenn das ginge, wenn das ginge, hätte ich ihn sicher nicht allein reisen lassen. — Aber Sie kennen doch unsere Verhältnisse; wir leben, wie man das nennt, von der Hand zum Mund. Wir konnten bisher, Gort sei Dank! nicht klagen, mein Mann hat nur all zu viel zu thun. Das war auch, wie ich glaube, die Ursache seiner Erkrankung. Durch das langwierige Leiden meiner seligen Schwiegermutter und durch die Krankheit unseres Kleinen sind wir etwas zurückgekommen; mein Mann glaubte, durch verdoppelten Fleiß dieses einbringen zu müssen, und darum hat er während des ganzen verflossenen Winters 14 Stunden täglich unterrichtet. O, wie oft habe ich ihn gebeten, sich zu schonen, aber er wollte nicht darauf hören. Das ging nun so lange es ging, das heißt, bis mein Mann selbst erkrankte. Seit drei Monaten hat er gar nicht unterrichten können, unsere Einnahme stockt, unsere Ausgabe hat sich in dieser Zeit nahezu verdoppelt. Hätte nicht unser Hugo, sobald er von der Krankheit des Vaters gehört, seine Ersparnisse geschickt, mein Mann hätte die Badereise nicht unternehmen können." „Und Ihr Hugo hat sich schon so viel erspart? Der muß ja ein ganz herrlicher Junge sein, tüchtig und brav, und noch so jung! — neunzehn Jahr ist er, nicht wahr?" „Im September wird er achtzehn." „Erst achtzehn Jahre! Na, hören Sie, meine liebe Frau Lewison, so sehr ich Sie bedauere ob all der Leiden und Unannehmlichketten, die Sie in jüngster Zeit betroffen, ob eines solchen Sohnes möchte ich Sie beneiden, wenn ich überhaupt im Stande wäre, Sie zu beneiden." „Ja, Hugo ist brav!" bestätigte Frau Lewisohn, und der bisher so schwermüthige Ausdruck ihres bleichen Angesichtes wich einem glücklichen Lächeln. „Er ist immer in D.?" „Bis vor vierzehn Tagen war er dort, aber — da kommt er eben." In der That trat in diesem Augenblicke ein junger Mann aus einer Seitenallee den beiden Damen entgegen. Er grüßte höflich und wollte sie vorüberschreiteu lassen. Frau Herz aber reichte ihmX freundlich die Hand. „Willkommen," sagte sie, „liebster Hugo, Herr Lewisohn, wollte ich sagen — das ist schön, daß Sie sich auch wieder einmal in der Heimath sehen lassen. Namentlich jetzt, da Ihr Herr Papa verreist ist, daß Sie der Frau Mama Gesellschaft leisten. Und ein bischen Erholung wird Ihnen auch recht wohl thun, Sie sehen etwas angegriffen aus. Na, in dieser herrlichen Luft werden Sie sich schon bald erholen. Wie gefällt es Ihnen denn hier in diesem prächtigen Garten?" „Hier ist es in der That schön," erwiderte der junge Mann, „doch ich muß um Entschuldigung bitten, mein Onkel erwartet mich in der Stadt." Er reichte seiner Mutter die Hand, verneigte 'sich grüßend vor Frau Herz und entfernte sich. Beide Damen schauten ihnl nach. „Ein herrlicher junger Mann," sagte Frau Herz, „in der That, liebste Freundin, Sie können stolz ans ihn sein. Aber ein bischen angegriffen sieht er ans. Wie lange hat er Urlaub?" Frau Lewison zuckte die Achseln. „Er ist augenblicklich ohne Posten." „Wie, sagen Sie?" ftagte Frau Herz staunend. „Hugo hat augenblicklich kerne Stelle," wiederholte Frau Lewison, „er hat seinen bisherigen Posten

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