Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1885)
- Date
- 1885-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1018 Berlin, 28. Juli. Bei ihren Anstrengungen, die Stöckerprozesse als den Ausfluß eines Systems darzustellen, erinnert die „Kreuz-Ztg." an den Besuchten Stöcker vor nun fast 2 Jahren in London abgestattet hat, und bemüht sich, den Abfall, den der Hofprediger damals in der englischen Hauptstadt erlitt, gleichfalls als eine Folge des jüdischen Terrorismus zu bezeichnen und den Brief, den zu jener Zeit Lord Shaftesbury an die „Frankfurter Zeitung" richtete, als den thatsächlichen Verhältnissen widersprechend darznstellen. — Der unter dem Verdachte der Verleitung zum Meineid verhaftete Jacobson, der den im Stöckerprozcß vielgenannten Zeugen Masche zu falschen Bekundungen angeblich verleiten wollte, soll, weil sich seine völlige Unschuld herausgestellt hat, aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Frankfurt a. M. Die Meinungsverschiedenheiten, welche zwischen Herrn von Königswarter in Wien und unfern städtischen Behörden bezüglich der Erträgnisse des Königswarter'schen Stiftungshanses bestanden, sind nach dem „Frankfurter Beobachter" cndgiltig geregelt. Nach der getroffenen Vereinbarung wird im Stiftungsbriefe dahingehende Bestimmung getroffen, daß die zur Verwendung kommenden Beträge zu einem Drittel den sich etwa meldenden Nachkommen der tcstircndeu Königswarter'schen Eheleute und zwei Drittel laut Bestimmung zur Unterstützung an Bedürftige zur Bestreitung derWohnungsmiethe gegeben werden. Bis jetzt ist durch das nicht in Wirksamkeittrcteu der Stiftung ein zu verwendendes Kapital von ca. 18,000 M. vorhanden, lieber die näheren Einzelheiten der Stiftung ist vor Kurzem berichtet worden und wird diese Angelegenheit nun bald durch die städtischen Behörden ihre endgültige Entscheidung finden. Hannover. In Folge der vor einiger Zeit seitens der hiesigen Polizeidircktion vorgenommenen Ausweisungen mittelloser Ausländer haben 59 Personen, darunter 51 Bekenner der jüdischen Konfession, welche aus Rußland, Polen und Ungarn stammten, den preußischen Staat verlassen müssen. Oester r. - Ungar. Monarchie. Wien, 28. Juli. In der am 21. d. M. abgehaltenen Ansschußsitzung des deutschen Schulvercins, berichtete der Obmann über einige Vorkommnisse anläßlich der bekannten Vorfälle in der akademischen Ortsgruppe. Von antisemitischer Seite wurden gegen den Vcrcinsausschnß heftige Angriffe gerichtet, weil er die Anerkennung der akademischen Ortsgruppe davon abhängig gemacht hat, daß von dem die Ausschließung der Israeliten bezweckenden Beschlüsse dieser Ortsgruppe abgegangen werde. Dagegen erfolgten auch mehrfach Anstrittserklärungen von Inden, weil der akademischen Ortsgruppe zur Aenderung des erwähnten, mit den Tendenzen und Satzungen des Schulvereins unvereinbaren Beschlußes die nöthige Frist eingeräumt wurde. Der Ausschuß fand in diesen Kundgebungen keinen Anlaß zu einer Abänderung seiner früheren Beschlüsse, daß er die akademische Ortsgruppe nicht als einen Zwekgverekn des deutschen Schulvereius anerkennen könnte, wenn dieselbe auch noch bei der im Herbste einzuberufenden Versammlung auf dem Beschlüsse beharren würde, Juden von dieser Ortsgruppe auszuschließen, daß aber vor allen weiteren Schritten das Ergebniß dieser Versammlung abzuwarten sei. Wien, 25. Juli. Mehrere jüdische Gemeinden in Galizien haben der „Bohemia" eine Beschwerde in Betreff der Sonntagsruhe überreicht, worin darauf hingewicsen wird, daß sie aus religiösen Gründen am Samstag nicht arbeiten können und nunmehr durch die neue Verordnung gezwungen seien, auch am Sonntag nicht zu arbeiten, wodurch sie in ihrem Erwerb schwer geschädigt feien. R umäuie n. Aus dem Bezirke Bottufchan wird uns berichtet, daß daselbst in den Monaten April und Mai wieder Maffenvertreibungen von Juden unter den größten Greuelscenen stattgefunden haben. Nicht allein mußten die Juden in der Eile, in welcher diese Ausweisungen gewaltsam ausgeführt wurden, ihr Hab und Gut zurücklaffen, sondern vielfach wurden jüdische Frauen und Mädchen auf die barbarischste Weise geschändet. Daß man uns aber der Ueberireibung nicht beschuldige, wollen wir ohne jeden weitern Commentar den Bericht eines entschieden judcnfeindlichen Blattes über diese traurigen Thatsachen mittheilen. Die „Wocea Botosanilor" Nr. 5 vom 19. Mai a. c. schreibt: „Wir haben nicht die Maßregel, die Dörfer von Fremden zu reinigen, kritisirt, weil wir sie auf ein Gesetz (?) basirt gefunden haben, welches den Gemeinden das Recht gibt, die Mitglieder ihrer Familie zu wählen; aber wir werden unsere Stimme erheben gegen die Mittel, welche in Anwendung gebracht werden, um die Verfügungen des Gesetzes auszuführen. „Wir begnügen uns heute mit nur zwei Vorfällen, welche in zwei bedeutenden Landgemeinden unseres Distriktes vorgefallen sind.