Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1885)
- Date
- 1885-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1002 denden Flüchtlingen hart bedrängt worden wären, von denselben in Anspruch genommen gewesen wären. Bei dieser Gelegenheit mag auch erwähnt werden, daß wir dem Hilfs-Comite in Amsterdam, welches seit Jahren mit rühmenswerther Beförderung russischer und rumänischer Emigranten nach Amerika leitet und fördert, und dessen Mittel bereits erschöpft waren, neuerdings einen Betrag in der Höhe von 2500 Frs. votirt haben. Ferner haben wir dem Wiener isr. Handwerkerverein in Hinblick auf sein segensreiches Wirken für die jüdische "Jugend Galiziens vorerst auf drei Jahre eine jährliche Subvention von 300 fl. bewilligt. Die Zahl unserer beitragenden Mitglieder hat im abgelaufenen Jahre eine wesentlliche Steigerung erfahren. Sie erreichte im Jahre 1884 die Höhe von 2720 u. zw.: Stifter 8; Gründer 23; Ehrenmitglieder 2; Mitglieder auf Lebenszeit 89 und beitragende Mitglieder 2603 gegen 2256 im vorigen Jahre. Schließlich wollen wir jener Kinder gedenken, welche wir vor drei Jahren, gelegentlich der russischen Emigration zur dauernden Versorgung übernommen. Die Zahl derselben ist inzwischen durch den bereits erwähnten Zuzug aus Rumänien stark angewachsen, sie beläuft sich dermalen auf 51. Es ist unser eifrigstes Streben diese Kinder zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden, und hat sich der diesbezüglich gemachte Versuch auf das Vorzüglichste bewährt. Sämmtliche in der Lehre untergebrachten Kinder erfreuen sich der vollsten Zufriedenheit ihrer Lehrherren und machen die besten Fortschritte. — Von den vor drei Jahren in die Lehre gegebenen russischen Kindern werden vier im Mai d. I. zu Gesellen freigesprochen, und zwar: ein Schneider, zwei Bürstenbinder - und ein Posamentirer. In wenigen Jahren werden alle diese Zöglinge, welche sonst zu Bettlern herangcwachsen wären, auf eigenen Füßen stehen, und sich als wackere Handwerker eine redliche Existenz gründen können. Wie groß also auch immer die Erhaltungskosten dieser Kinder sein mögen, sie sind verschwindend klein gegenüber der durch dieselben erzielten Erfolge! Prag. Das hiesige israel. Knabenwaisenhaus hat auch heuer wie alljährlich seine Zöglinge während der Ferienmonate in Statenitz als Feriencolonie etablirt. Diese großartige Neuerung im Gebühren des Waisenhauses zeigt alljährlich ihren wohlthätigen Einfluß. Umso wünschenswerther wäre es, wenn einige großherzige Männer und Frauen unter unfern jüdischen Mitbürgern auch andem armen jüdischen Kindern, die glücklicherweise keine Waisen sind, einen 4—6wöchentlichen Landaufenthalt ermöglichten. Man darf doch nicht verlangen, daß alle armen jüdischen Eltern ihre Kinder den von nichtjüdischen Vereinen ausgerüsteten Colonicn anvertrauen sollen, da noch Viele, die es gerade nicht streng mit -rara nehmen, das kindliche Gemüth nicht in allen frcmdreligiösen Gebräuchen unterrichtet wissen wollen. Und wenn dieser Grund nicht bestimmend ist, so dürste vielleicht für die Errichtung einer jüdischen Feriencolonie der Umstand maßgebend sein, daß der Ausschuß des jetzt bestehenden Feriencolonic-Vereines bei der Aufnahme jüdischer Kinder engherzig vorgeht, trotzdem daß ca. die Hälfte der Mitglieder des Vereines Juden sind. Den jüdischen Eltern geschieht es schon ganz recht, wenn man ihre Kinder nicht annimmt, aber uns ist es nicht recht, wenn man Juden als nicht berechtigt zurückweist. Pefth, im Juli. Aus einem merkwürdigen Liebesroman beruht eine Strafuntersuchung, welche gegenwärtig gegen einen Budapester Beamte» eingclcitet ist. Vor zwei Jahren lernte ein Offiziers- Stellvertreter in Agram eine bildschöne Jüdin kennen» in der er sich sterblich verliebte. Das Mädchen theilte die Liebe des schmucken Militärs und das Verhältniß sollte durch die Ehe geheiligt werden. Der damalige Finanzdirector in Agram, Herr David, nahm sich des jungen Mannes an, als er aus dem Militärverbande trat. David stellte chn als Diurnisten an und protegirte sein Gesuch uin definitive Ernennung. Das Mädchen ließ sich taufen, nachdem ihr Geliebter die schriftliche Einwilligung ihrer in der Provinz wohnhaften Eltern beschaffte, und der Finanzdirektor selbst, wie seine Tochter waren die Taufpathen des Mädchens. Inzwischen wurde David in Folge der Croatischen Wirren, die sich aus dem bekannten Wappenkonflikt entwickelten, aus' Agram versetzt. Der junge Mann erhielt aber seine Ernennung zum Concipiften gleichzeitig mit der Ucberweisung zur Budapester Finanz-Direction. Er übersiedelte mit dem Mädchen nach Budapest, lebte mit derselben einige Monate außerehelich und verschob die Hochzeit unter allerlei Ausflüchten, bis er sie eines schönen Tages verließ und mit einem verrufenen Mädchen, dessen Bekanntschaft er unterdessen gemacht, zusammen eine Wohnung bezog. Das betrogene Agramer Mädchen, das sich zudem noch Mutter fühlte, wandte sich nun an ihre Eltern, die aber ganz erstaunt über die Sache waren und behaupteten, daß sie weder von dem Verhältniß ihrer Tochter