Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1885)
- Date
- 1885-07-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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983 4000 Pfund Sterling kostet, von welchen natürlich der weitaus größte Theil ans die Besoldung der Missionäre fällt. Doch scheint cs, daß man Mitteleuropa, als ein unfruchtbares Feld, aufgegeben hat und die Missionäre znineist nach Rumänien und Südrußland sendet, wo die Unwiffenhett und Armuth vieler Jsraeltten die Wirksamkeit des Mssionsfonds erleichtert. Die genannte Durchschnittssumme dürste wahrscheinlich zu niedrig bemessen sein, da sich mancher arme Teufel Ln verschiedenen Orten unter verschiedenen Ramm mehrmals der gewinnbringenden Taufe unterziehen läßt. Als bei einer der unter Karl dem Großen vollzogenen Taufen an der Aller wegen massenhaften Andranges der Täuflinge die neuen weißen Linnenklcidcr ausgingen, mit welchen die Konvertiten beschenkt wurden, rief ein sächsischer Adeling zornig aus: „Sechsmal schon habe ich mich taufen lassen und jedesmal ein neues Gewand bekommen, und heute gibt man mir solchen abgettageueu Fetzen!" So mag cs heute, nach einem Jahrtausend, auch mit den Judenbekehrungcn ausseheu. Am meisten Erfolg hat die Judenmission noch in London selbst, wo ihre Agenten den dnrch Zufall oder Roth nach der Insel verschlagenen Israeliten auflauern, sich ihrer barmherzig amiehmen und sie dabei zum Ucberttitte zum Christenthum bereden, wobei sie hauptsächlich auf die glänzende Laufbahn Hinweisen, die mancher Bekehrte genommen hat. So ist der erste, von England eingesetzte und von diesem und Preußen besoldete evangelische Bischof 4)on Jerusalem ein getaufter Jude, und die zu einer weltgeschichtlichen Rolle berufenen Missionäre Stern und Rosenthal (erstcrcr jungst verstorben) sind in England getaufte ungarische Israeliten gewesen. Die beiden, durch den ihnen gewährten Schutz des Jnselreiches übcrmüthig gewordenen Herren iusultirten den Kaiser Theodor von Abyssinien gröblichst, indem sie ihn höhnisch den Sohn einer Kussoverkäuferin nannten. Run hatte Theordor's Mutter wirklich das bekannte Bandwurnunittel auf dem Martte ihres Heiumthsortes feilgeboten — die Abyssinier schneiden lebende» Ochsen Fleischstreifen aus dem Leibe und verschlingen das warme, zuckende Fleisch, müssen sich deshalb häufigen Wurmkuren unterziehen—aber nichts verletzt einen Emporkömmling tiefer, als die Erinnerung an seine Herkunft. Die Missionäre wurden in einen Schweinekoben gespert und mit Kuffo gefiittcrt; der englische Konsul Camcron, welcher sich ihrer annahm, wurde in Fesseln geschlagen, und zn ihrer Befteiung unternahm England 1868 «ne», von General Napir geleitetes Krieg, welcherdev Kaiser zum Selbstmorde trieb. Als dann freilich dem Parlament die Rechnung für Befreiung des Herren Stern und Roscnthal vorgelegt wurde, gab dasselbe dem konservative» Kabinct den Abschied und berief Gladstone zur Regierung. Die Mehrheit der in London Bekehrten gehört übrigens den gebildeten Klagen an, einerseits weil diese weniger eifrig, als die Menge, am Glauben halten, anderseits weil gerade die Intelligenz in der Fremde hilflos ist und dem Elend, dem mächtigsten Hebel der Konversion, verfällt, während die Leute, welche auf ihrer Hände Arbeit die Existenz baue», sich in der Fremde leichter durschlagcn. Bor etwa sechs Jahren hatten Missionsagcntcn einen halbverhungerten Jndcnjungen gekapert, ihn mit Speise, Trank und Kleidung versehen und an ihm eine Schnellbekehrung binnen wenigen Tagen vollzogen. Als nun der Junge, ohne recht zu wissen, wie ihm geschah, zur Taufe in die prächtige Kirche geschleppt wurde, den Orgelklang hörte, den Wcihrauchdnft einfog und von dem bunt gekleideten anglikanischen Geistlichen in der ihm unverständlichen englichen Sprache angeredet wurde, da packte ihn eine Heidenangst und er entlief aus der Kirche — natürlich ohne sich vorher der geschenkten Kleider zu entledigen. Ergriunnt darüber, daß ihren Bietzen ein Fischlein entschlüpft war, ließ ihn die Missionsgcscllschaft unter der Beschuldigung des Kleiderdicbstahlcs cinfangcn und vor Gericht stellen. Ter Richter sprach ihn frei und brandmakte in den schärfsten Worten das Treiben der Missionäre; die großen politischen Zeitungen kommentirteu und billigten das Urtheil; seither ist die Mission etwas vorsichtiger geworden. Aber die Erobcrungszügc der Judemnission nach dem Osten Europa's haben einen Rückschlag hervorgcrufe»; von dort ziehen verkommene Israeliten nach dem Westen, nicht um ihre Nclgion zu predigen, sondern um für schweres Geld neue Religionen anznnehmen. Nachdem cs polnischen Inden gelungen, sich wiederholt taufen zu lassen und mehrmals den Preis für die Taufe einzuftreichen—das Geld wird meist unter dem Vorgeben gefordert, der Konvertit müsse, um den Verfolgungen durch seine einstigen Glarckcnsgenossen zn entgehen, in weite Ferne flicht, — da lag cs nahe, den Goldflnß aufwärts zur Goldqnelle zu wandern und aus dieser zn schöpfen. Das cnrvpäische Festland ist allerdings kein günstiger Boden für die Professions-Konvertiten. Mögen auch einzelne christliche Geistliche, namentlich wenn sie ans dem Judenthnm hervorgegangc» sind, so der gelehrte Paulus Cassel in Berlin, gern bekehren, sie Bmm doch dabei keinen besonderen Geldaufwand machen. Und daun gibt es im Grunde auf dem Kontinent nur zwei christliche Konfessionen, die ein-