Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1885)
- Date
- 1885-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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980 Während der na und der Am Haarez niemals haben lernen wollen, gibt's eine dritte Klasse von Menschen, die sich zwar bemühe», Thorakenntniß zu erwerben, denen das aber nicht gelungen ist \vrx\ N/i „und nicht kann der Schämige lernen." Wir müssen sehr wohl zwischen ^'2 und d’jd va nnterscheidcu; dud bto ist ein Mann der Schamhaftigkeit, der Bescheidenheit. Von ihm heißt es (Aboih E. 5. § 23) pj? d’:d „der Schamhafte, der Bescheidene hat Theil am ewigen Leben." Unter dagegen ist ein solcher verstanden, der von falscher Scham befangen ist. Er fürchtet stets, seiner Ehre etwas zu vergeben, ausgelacht oder verhöhnt zu werden. Wenn er dem Vortrage seines Lehrers anwohnt, so schämt er sich zu gestehen, daß er ihn nicht verstanden und bleibt daher unbelchrt; wenn ihm etwas nicht klar geworden, so genirt er sich zu fragen, aus Furcht, von seinen Mitschülern ansgelacht, von seinem Lehrer angeschrieen zu werden. Dadurch bleibt er zurück und wird nie etwas Ordentliches lernen. Nicht nur Thorakenntniß zu erwerben, ist die Aufgabe eines jeden wahrhaften Juden; cs muß vielmehr unser Bestreben sein, es dahin zu bringen, daß wir die Lehre unseres Gottes den kommenden Geschlechtern verkünden; nicht nur lernen sollen wir, sondern auch lehren. Ein geistreicher Alaun deutete einst den Vibclvers ,!? pb bnyb dik -idbb n:o by -ncb, der Mensch ist geboren zu dem Zwecke, daß er lerne, um zu lehren." lobo prpn ab) Aber der „Kapdon" kann nicht lehren. Der Lehrer muß vor allen Dingen Geduld mit seinen Schülern haben, unermeßliche Geduld. Wer ärgerlich wird, wenn die Schüler nicht gleich verstehen, wer seinen Schülern gegenüber zu strenge ist und bei geringem Anlaß sich beleidigt fühlt, der ist zum Lehren untauglich. Ein Beispiel von unendlicher Geduld erzählen uns unsere Weisen im Traktat Erubiu 54 lr. Rabbi Pcreda hatte einen Schüler, dem er jeden Lehrgegenstand 400mal wiederholen mußte, ehe derselbe ihn vollständig begriff. Eines Tages wurde Rabbi Pcreda wegen eines wichtigen Vorkommnisses ans dem Lchrhause abberufen. Trotzdem ging er nicht früher, bis er den Gegenstand, den er gerade behandelte, 400mal wiederholt haue. Aber der Schüler, durch die Furcht, daß der Lehrer unterbrechen und fortgehen würde, in Verwirrung gebracht, hatte nicht aufmerksam zugchört und dcßhalb nicht verstanden. Da fing Rabbi Pcreda wieder von vorne an, so daß er den einen Gegenstand 800mal wiederholte, bis ihn der Schüler endlich begriffen hatte. Es ist dies derselbe Rabbi Pereda, von dem im Traktat Megilah 27 d. gerühmt wird, daß ihm Niemand im Lehrhause zuvorgekommen sei. Und da er seine Zeit so gewissenhaft und unermüdlich deur Lernen und dem Lehren widmete, so ließ ihn Gott ein ungemein hohes Alter erreichen. — Der Lehrer ist verpflichtet, lehrt Rabbi Akiba (Erubiu 545), die Schüler so zu unterrichten, daß sie das Gelehrte inne haben, daß es ihnen geläufig wird, und muß er ihnen die Gründe derart auseinandersetzen, daß ihnen das Gelernte zum wirklichen geistigen Eigenthnme wird. Er muß also dafür sorgen, daß, wenn er ein Chacham, ein Weiser ist, auch seine Schüler im Laufe der Zeit Chachaniiin, Weise werden. Wenn aber ein Lehrer seine Zeit meistens anderen Beschäftigungen als denen des Unterrichts zuwendet, so wird cs ihm nicht gelingen, seine Schäler zu Ehachamim heranzubilden mrm roicn b döi oor.B „nicht kann der, welcher viel Geschäft betreibt, weise machen." Jlpha und Jochanan waren zwei gleich befähigte Schüler, die von ihren Lehrern sich großes Wissen erwarben. Aber sie litten große Roth und konnten den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien nicht beschaffen. Jlvha fing darauf an, Geschäfte zu treiben und irdischem Gewinn nachzugctzcn. Wiewohl er ein großer Gelehrter war, wird er im Talmud nur wenig erwähnt, und namhafte. Schüler Hai er nicht herangebildet. Jochanan. dagegen Karrte aus in den Jahren des Tnrbsals und der Noth; er wurde der berühmte, große Rabbi Jochanan, der Lehrer von ganz Israel, und feine Schüler: Rabbi Schimcon ben Lakisch, Rabbi Elasar, Raw Kahana, Rabbah bar bar Chana, Raw Chija bar Abba und viele Andere wurden große Männer wie er. Nur der große Weise, der cs sich zur Aufgabe inacht, weise Männer hcramubildcn, verdient die erhabene Bezeichnung b»n „Alaun", wie es heißt rura «rwn, „und der Mann Moscheh." Wenn es an deinem Orte keine solche Männer gibt; es gibt wohl „Baurim" rohe Menschen, Am Haarez, unwissende Menschen, Baischanim, die nicht genug gelernt haben, Kapdanim, die nicht lehren können, oder auch Ehachamim, die sich aber andern Beschäftigungen widmen und nicht genügend Zeit für ihre Schüler haben, so bemühe du dich, Man n zu sein, damit dein Zeitalter nicht verweist werde; denn jeder Einzelne in Israel hat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Gotteslehre unserem Volke erhalten bleibe und auf die kommenden Geschlechter vererbt werde. (Fortsetzung folgt.)