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Der Israelit · 1885-07-20 · Heft 57 (20.7.1885) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 57 (20.7.1885)
Date
1885-07-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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967 Junkerthums, er gehe mit dem Winde u. s. w. Herr Stöcker gibt die inkrimiuirtcn Stellen zu, Herr Schmidt stellt die ihm in den Mund gelegten entschieden in Abrede. Jede Partei brachte ihre Zeugen, und wir hatten Gelegenheit nicht nur alle „germanischen Säulen, einen Aschcnbrcuner, Grimberg u. s. w. von Angesicht zu Angesicht zu schauen, sondern auch mit einer neuen, Herrn Kraus, Bekanntschaft zu machen. Während ich diese Helden einen nach dem andern vor mir Platz nehmen sah, drängte sich mir immer zweiselloscr und dringender die llcbcrzcngnng auf: wenn unsere Glaubensgenossen aller Orten nur ein einziges Mal ihre antisemitischen Widersacher Aug in Ang sehen könnten und wenn sie nur bedächten, von welcher sittlichen Qualität dieselben sind, sie würden wahrlich nicht über jede alberne Aeußcrung in Harnisch gcrathcn, sic wurden vielmehr alle jene durch ihre Maßlosigkeit in der Ferne imponirenden Hetzereien mir vornehmem lächeln unbeachtet bei Seite liegen lassen. Als einer der ersten Zeugen wird Kraus, Mitarbeiter des „Ncichsboten", ein großer Streiter vor dem Herrn vernouuuen. Der Beginn seines Dialogs mit dem Vorsitzenden ist zu köstlich, um hier nicht eine Stelle zu finden. Präsident: „Ich muß wegen der Vereidigung die Frage an Sie richten, ob sie schon vorbestraft sind." Kraus (leise), „Ja!" Präsident: „Weswegen?" Kraus (flüsternd): „Wegen Betruges!" Präsident: „Sie sprechen zu leise; ich kann nichts verstehen." Kraus: „Wegen Betruges!" Präsident: „Was war Ihre Strafet" Kraus (sich vorbeugend und kaum verständlich): „Sechs Monate Gcfängniß." Präsident (ärgerlich und laut): „Wollen Sie gch. nnn endlich laut sprechen? Sic erhielten 6 Monate Gcfängniß. Wurden Ihnen die Ehrenrechte abgesprochcn. Kraus: „Auf ein Jahr!" Daß das Audirarinm oft in Heiterkeitsstnrme ausbrach, läßt sich denken. Als Zeuge Ascheubrenncr, ein schlanker Mann mit hinten gescheiteltem Haar, vortrat, und ihn derBorsitzende fragt: „Was sind Sie?" antwortete er selbstbewußt: „Ehefrcdacteur des „Christlich-soz.-Eorrcspondcnzbl.," doch da der Vorsitzende weiter forscht: „Und was waren Sic früher?" lautet die Eutgcgnuug im Molltone: „Portier!" Zeuge Gruncbcrg brachte Humor und Leben in die Verhandlung. Als er behauptet, daß der Kaiscrmördcr Nobilmg, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen und Aschcnbrcuner dies leugnet, ruft,dcr brave Schneidermeister entrüstet aus: „Wie kann der das wissen? Aschenbrcnncr hatte zur Zeit als Bote nur die Briesschasten mir, dem Secretär, zu überbringcn und sich dann sofort wieder zu entfernen." Er versichert, daß zwei Mitgliederlisten geführt worden seien, und, als ihn der Vorsitzende fragt, was er mit der ersten gemacht habe, sagt er: „Ick habe sie mang die Makulatur geworfen." Er berichtet weiter, daß Hödel wenige Tage vor dem Attentat in die Partei anfgenommen und am Vorabende desselben eine christlich-soziale Versammlung besucht habe. Vors.: Hat Herr Stöcker in jener Versammlung gesprochen? Zeuge: Ob ich das Referat hatte oder Herr Stöcker, kann ich nicht sagen. Vors.: Worüber sollen Sie refcrirt haben? Zeuge: Ucbcr sozial-politische Verhältnisse (Große Heiterkeit). Vors.: Haben Sie denn alte Leute ohne Unterschied ausgenommen? Zeuge: Ja wohl. Vors.: Ist denn kein Mensch mit der Bitte um Aufnahme abgcwicseu worden? Zeuge: Rein, das ist niemals vorgckommen! — Als ich nun einem älteren jovialen Herrn, der neben mir saß und sich mir als Mitglied der „Partei", als persönlicher Freund des „Herrn Hofprcdigcrs" und als Präsident eines konservativen Vereins vorgcstellt hatte, bemerkte: „Finden Sie cs nicht auch recht bezeichnend für Ihre „Partei", daß gerade ihr Königsmördcr, Zuchthäusler und andere bestrafte Subjcctc bcitrctcn und in ihr Aufnahme finden?" antwortete mir der gute Mann mit Pathos: „Es ist ein hohes sittliches Prinzip, die Gebeugten anfznrichten!" — „Warum aber", so meinte ich, „sicht gerade diese bestrafte Gesellschaft auf den Zinnen der Partei, warum bewerben Sic als anständiger Mann sich um ein öffentliches Ehrenamt in Ihrer „Partei?" — „Jene Menschen sind oft die genialsten!" war die klassische Antwort meines liebenswürdigen Rachbars, der sicherlich in diesem Augenblicke an jenen Spruch über dem (sie!) Orakel zu Delphi dachte: „Erkenne Dich selbst!" Mit schneidendem Sarkasmus zergliederte Rechtsanwalt Mnttckcl in seinem Plaidoyer fctucit Gegner, mit allen Waffen der Ironie uub des Witzes schilderte er den „Apostel der Wahrheit und der Rcinhcit": Herr Stöcker saß unbeweglich bleichen Antlitzes, ohne eine Miene zu verziehen, ans. seinem Platze; nur hie und wieder notirte er sich die Kraftausdrncke des Rechtsanwalts. Als dieser jedoch :-i Wochen Gefängnis; beantragte, spielte ein wchmüthigcs Lächeln um seine Lippen, dann erhob er sich zu einer halbstündigen Rede, in der er mit leiser, aber sehr erregter Stimme, die aber bald inrmcr mehr und mehr anschwoll, sich vertheidigte. Er sei der Angegriffene, die antisemitische Bewegung, die „unreinen geringen Theil seiner öffentlichen Thätigkeit ansmache", sei ihm nicht von Oben befohlen worden, sondern ans seiner Initiative entsprungen. Es schmerze ihn sehr, als Angeklagter 0

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