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Der Israelit · 1885-07-16 · Heft 56 (16.7.1885) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 56 (16.7.1885)
Date
1885-07-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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942 Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Aus Unterfranken, 15. Juli. Antisemitische Preßerzeugnisse finden erfahrungsgemäß bei uns einen sehr sterilen Boden und doch wagt sich immer von Zeit zu Zeit ein solch verunglücktes Unternehmen an's Tageslicht. Seit Monatsfrist erscheint in Fürth ein derartiges Schandblättchen unter dem Titel „Der deutsche Michel" und fristet sein kümmerliches Dasein durch Colportage. In weiteren Kreisen wußte man bislang von der Existenz überhaupt nichts, bis cs der in Würzburg erscheinende, unter der Flagge „parteiloses Organ" segelnde „General-Anzeiger" für angezcigt fand, eine Abonnements-Einladung auf den deutschen Michel in Nr. 160 vom 7. Juli zu bringen, welche u. A. den Satz enthält: „furchtlos die Ausbeutung der Noth und Dummheit durch asiatisches Ungeziefer bekämpfend". Wir haben bisher in anständigen Blättern diese Abonnements-Einladung nirgends gefunden; im Gegenthcil gelesen, daß andere Blätter es unter ihrer Würde hielten, sich zu Handlangern des Antisemitismus zu erniedrigen. Wir geben diese dem Richter'schen Verlage zu geringem Vorthcile gereichende Thatsache wieder, weil gerade der General- Anzeiger in den meisten fränkischen jüdischen Familien gehalten wird und es angezeigt erscheint, solche der Corruption Vorschub leistende Organe der Zeitnngslitcratur aus dem jüdischen Hause zu verbannen. — Oesterr.-Ungar. Monarchie. Lemberg. Das Institut der sogenannten Fericn-Colonien, welches schon seit mehreren Jahren in Deutschland mit den besten Erfolgen cultivirt wird, verdient fast mehr als irgend eine andere humane Einrichtung hierzulande bei der jüdischen Bevölkerung cingcführt zu werden. Meist in enge städtische Bezirke zusammengedrängt, lebt dicsebe in de» schlimmsten sanitären Verhältnissen. Mangel an frischer Luft und Bewegung, Ueberfluß von schlechte», schädlichen Einwirkungen, ungenügende, wenig kräftige Nahrung und dabei oft genug übermäßige geistige Anstrengung im kindlichen Lebensalter haben seit Jahrhunderten im Verein mit dem wachsenden Pauperismus am Mark des jüdischen Volkes gezehrt und dasselbe physich heruntergebracht. Wer diese traurigen Zustände bekämpfen will, muß vor allem nach Mitteln trachten, wenigstens der Heranwachsenden Generation günstigere Lebensverhältniffezn schaffen. Als eines derselben stellt sich zweifellos jene humane Einrichtung dar, durch welche die Kinder armer Eltern in den Stand gesetzt werden, die Ferienzeit auf dem Lande in frischer Gebirgslust, bei gesunder Nahrung, körperlicher Bewegung, unter Leitung eines Erziehers zuzubringen. Gewöhnlich wird damit auch Unterricht in der Gymnastik verbunden und werden die Kinder zu guten Sitten und anständigem Benehmen, Ordnung und Reinlichkeit angelcitct. Gemeinschaftliche Spiele werden arrangirt, Spaziergänge gemacht und der Sinn für die schöne Natur bei den Kindern geweckt. Die Vorthcile, die sich daraus für die körperliche und geistige Erfrischung der Kinder ergeben, sind von ganz enormem Werth und kann eS für einen wahren Menschenfreund kein bcsteres Werk geben, als durch ein relativ geringes Opfer jungen Menschenkindern so viel reine Freude zu bereiten, ihren körperlichen und geistigen Zustand zu heben und ans diese Weise den Grund zu legen, daß die jungen Leute sich und der Welt zum Nutzen heranwachsen. Welches Almosen kann sich so weittragender und für die ganze Societät heilsamer Folgen rühmen? Ebendarum und weil auf die öffentliche Gesundheitspflege in unserer Zeit mit Recht das größte Gewicht gelegt wird, faßt diese segensreiche Einrichtung der „Ferien-Colnien" in allen civilisirten Ländern mit jedem Jahre immer tiefere Wurzeln. Schon vor zwei Jahren trat ein Comitö in Lemberg — wir glauben auf Anregung des Herr» Professor Gerstmann — zusammen, das Sammlungen 5«m Zwecke der „Ferien-Colonicn" veranstaltete und im Jahre 1883 37 Kinder anfs Land schickte. Im vorigen Jahre wurden die Sammlungen im größeren Maßstabe fortgesetzt, der Landesfond, die Stadtgemeinde, die galizische Sparcaffe betheklkgtcn sich nebst vielen Bürgern ohne Rücksicht der Confessio« mit ansehnlichen Beiträgen, so daß das betreffende Comite in den Stand gesetzt war, 108 Kinder aufs Land zu senden. Wie mußte es aber die jüdische Bevölkerung peinlich berühren, daß weder in dem einen noch dem anderen Jahre auch nicht ein einziges jüdisches Schulkind mitgenommen wurde. Die Direktionen der Volksschulen wurden aufgefordert, arme, fleißige Kinder dem Comite zu benennen — jedoch nur Kinder christlichen Glaubens. Die Directionen der Czockischule, welche nur von jüdischen Kindern besucht wird, wurde daher nicht einmal angegangen, Kinder für die Wohlthat der „Ferien-Eolonie" namhaft zu machen, obwohl man sogar in diesen Schule»

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