Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1885)
- Date
- 1885-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449556--22538-2512164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
941 Nischen Nationen gebildet, ein eigenes, ftuchtbares, gesegnetes Land besessen, ein' Natioualhciligthum nnS zu einem echten Volk von Brüdern, zu einer großen Familie einte. Unsere Geschichte von damals, von den späteren Jahrhunderten, nachdem uns unser Land genommen, wir heimath- und herdlos von Land zu Land wandertcn und selbst die Geschichte der Neuzeit scheint Vielen unbekannt zu sein, von ihnen wenigstens nicht verstanden zu werden. Die Geschichte der Vorzeit hat für sic keine Bedeutung und selbst in der Gcgenwaet fühlen sie sich nicht als Glieder ihres Volkes. Ein jüdisches Volk existirt für sie nicht mehr; die jüdische Abstammung ist ihnen gleichgiltig; sie leben gedankenlos dahin als Juden. Woher sollte also die Trauer kommen! Was wir waren, was wir besaßen, was wir heute sind und was wir^scin sollten: das Alles erregt nicht einmal auch nur einen flüchtigen Gedanken bei den Juden der Jetztzeit. Woher auch sollten, wenn auch nur schattenglcich, in ihnen derartige Gedanken auftauchen!? Entbehren denn die Juden heute etwas!? sind sic heute in Tentschlaud nicht deutsche Staatsbürger, Unterthanen eines mächtigen Reiches, an dessen Geschicke sie Thcil nehmen dürfen, wo ihnen Recht und Schutz zu Theil wird, wo sie zufrieden, ruhig, glücklich leben, wo sie gleichgestellt und gleichgcachtet sind!? Wenn auch Einzelne als Feinde seines Glaubens und seiner Abstammung auftreten, das will ja nicht viel bedeuten. Bei dem heute herrschenden Geiste der Aufklärung und des Rechts werden diese vcrcinzclntcn Stimmen verhallen, ohne für die Dauer schlimme Folgen zu haben. Mag man sich das einreden, und — möchte cs volle Wahrheit sein! Aber ist man denn gar nicht erstaunt darüber, daß wir nach fast zwei tausend Jahren, unseres Glaubens und unserer Abstammung wegen, immer noch, immer auf's Mne angefcindet werden!? Hat man in jenen Kressen, die sich so stellen, als fühlten sie sich nicht berührt, nicht betroffen, als gelte nicht auch ihnen jene Anfeindung — da sie doch dem Jndenthumc als Bekenner und Stammesgenoffen angchören — noch nicht nachgcdacht über diese Erscheinung der Neuzeit!? Leben denn diese Kreise nicht mit ihrem ganzen Denken und Fühlen innerhalb der großen Welt und ihrer Ereignisse, leben sic denn nicht ganz der Gegenwart und geben sich Rechenschaft, wie es von gebildeten und denkenden Menschen zu erwarte» ist, über alle Vorkommnisse, über alle Kämpfe der Nationen und Parteien innerhalb des jetztlcbendcn Geschlechtes!? Haben sie sich niemals mit der Frage beschäftigt: warum cs möglich ist, daß heute noch derartige gehässige Angriffe und Vcrläuutdungeu, die eine so bedrohliche Gestalt angenommen hatten und in manchen Ländern noch auuehmcn, Raum und Eingang finden konnten? Und was denn denken jene Kreise über all' jene Anklagen, die sich gegen die Juden insgcsammt richten, von denen weder der hochgestellteste Financier, noch der berühmte Professor, noch auch der beliebteste und beste Arzt ausgenommen werden? Stecken sie das Altes gut cm und quittireu sie, ähnlich wie inan die Schimpfredcn eines rohen Pöbels quiltirt, mit stillschweigender Verachtung? Ist die Zeit der Vlüthe einer Hetz- und Verlaumdungsprcffe gegen Juden und Jndcnthum, die doch mehr Leser hat, wie nianchcr glaubt, die doch mehr Sympathie findet, als man sich cingcstchen will, ein so gar richtiger und unumstößlicher Beweis für die so kurzweg gewagte Behauptung, daß wir ungestört und friedlich leben, daß wir Juden allen Staatsbürgern gleichgestellt und glcrchgcachtet sind!? Wie' viele Kreise — wir bedauern das im Interesse des Judcnthnms nicht allzusehr — wie viele Kreise aber sind dem Inden, auch dem feinsten, hochgestelltesten und gcachtetsten Juden heute noch verschlossen, nur weil er Jude ist und zum Judcnthiim sich bekennt!? Selbst die edelsten Bertheidrger, die dem Juden auf nichtjüdischer Seite gegen jene Angriffe erstanden sind, wissen ihn nicht besser zu vcrtheidigen und zn schützen, als indem sie ihm den Rath geben, sein Jndcnthum aufzugcsten, um so cher, da ja Biele nicht ein Gewissensbedenken davon atzhalten dürfte. Also der Glaube und die Abstammung sind heute noch die alleinige Ursache, ja die scheinbar nicht ansrottbare Ursache nnscrcr Herabsetzung und Anfeindung. Ob wir gläubige oder ungläubige Inden sind, wird für uns auch fortan eine Ausnahmsstcllung bestehen, die bald mehr, bald weniger empfunden wird. Wenn also viele Juden heute nicht in der Stellung der Juden, in die wir durch die Auflösung unseres Reiches gemtheu sind, eine Ursache finden wollen, und daher auch kein Gefühl der Trauer in ihnen hierüber anskonnnt; aber denken; Nachdenken über die Ursachen, das ist für einen vernünftigen Menschen doch sicherlich eine selbstverständliche Forderung. GleichMrgkcit heucheln, sich nicht betroffen ftihlcu, das ändert doch nichts au den Thatsachen, macht die Arche nicht besser, erhöht nicht den eigenen Wcrch, bringt einem nicht größere Achtung ein. Und bei einigem Nachdenken und Nachschlagcu in nuferer GeschO werden sich vielleicht noch manche Ursachen «gebe«. Doch darüber in einem weiteren Artikel.