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Der Israelit · 1885-07-13 · Heft 55 (13.7.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 55 (13.7.1885)
Date
1885-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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924 in seiner ganzen Tiefe zu erfassen suchen und ihn mit einem andern im Traktat Sabbat uns mitgetheilten Ausspruche vergleichen. Die meisten Menschen legen an sich, an ihr eigenes Denken, Reden und Thun, einen andern Maßslab als an ihre Rebenmenschen; sie halten, was sie selber lhun, für gut und recht, selbst dann, wenn sie ihr Unrecht eingestehen müssen, halten sie das, was sie gethan, für entschuldbar. Wenn aber ein Anderer ganz dasselbe denkt, spricht oder thut, so sind sie die strengsten Beurtheiler und wollen nur in den seltensten Fällen, selbst für kleines Unrecht, eine Entschuldigung gelten lassen. Als einst ein Heide, so erzählen die Weisen im Traktat Sabbat, zu Hillel kam und verlangte, daß er ihn in wenigen Worten den Hauptgrundsatz der jüdischen Religion mittheile, sagte der große Lehrer Israels: „Was Dir mißfällt, das thue einem Andern nicht," das heißt: lege bei deinem Verhalten gegen die Mitmenschen den Maßstab des Verhaltens Anderer gegen dich au. Ehe du etwas gegen deinen Nebeumenschen unternimmst, frage dich: Wie würde es dir gefallen, wenn ein Anderer gegen dich so verfahren würdet — Bei dem in Rede stehenden Ausspruche Hittels wird gleichsam die Gegenprobe empfohlen. Ehe du die Thaten deines Rebenmenschen beurtheilst, lege erst den Maßstab an dich au und frage dich, wie du wohl in ähnlicher Lage gehandelt haben würdest. Wie würden doch Zank, Streit und Hader von der Erde verschwinden, wenn alle Menschen diese beiden Aussprüche Hillels bei ihren Thaten und ihren Beurtheilnngen znrRichtschnur nehmen möchten! Das Gottesgebot, die Mitmenschen znrechtzuweisen, erleidet, nach dein Gesagtem, durch den Ausspruch Hillels keine Einschränkung. Die Thora lehrt uns ja, wie wir unsere Mitmenschen zurechtlveiseu sollen. „Du sollst nicht hassen deinen Bruder in .deinem Herzen;" wenn du - etwas Unrechtes von ihm siehst, so sollst du offen und ehrlich ihn darüber zuRede stellen und zurechtweisen; aber nicht derart, daß du ihn öffentlich kränkest und beschämst: bei der Zurechtweisung sollst du nicht seinetwegen Sünde auf dich laden. Dein. Urtheil über deinen Nebenmenschen braucht noch nicht festzustehen, wenn du ihn zurechtweisest. Wenn du liebevoll und freundlich, aber doch mit aller gebührenden Strenge ihn ermahnst, so wirst du Gelegenheit haben, seine Bertheidigung oder Entschuldigung zu Horen und an dich den Maßstab zu legen, ob du unter ähnlichen Verhältnissen nicht eben so gehandelt haben würdest. Gerade dadurch wirst du ein liebevoller Beurtheiler deines Nächsten werden und um so eher im Stande sein, den Irrenden oder Abgeirrten auf den rechten Weg zurückzuführen. Wunderbar schon schließt sich nach obiger Auseinandersetzung der in Rede stehende Ausspruch an die bei den vorhergehenden an: Sondere dich nicht ab von der Gemeinde, sondern lebe und wirke in ihr; vertraue dir selbst nicht bis zu deinem Todestage, und deßhalb beurtheilc deinen Nächsten nicht, bis du an seine Stelle gelangst, bis du dich an seine Stelle setzest und den Maßstab an dich legst: Wie würdest du in ähnlichen Verhältnissen gehandelt haben? Auch du bist nur ein sündiger Mensch in steter Gefahr, von der Leidenschaft überwunden zu werden, zugänglich der Verführung, dem Jrrthume unterworfen, schwach in der Stunde der Prüfung. Daher sei deinem Nebenmenschen ein milder Richter-, vernrtheile ihn nicht sofort; suche vielmehr den Irrenden zu belehren, den Krankenden zu heilen, den Schwachen zu kräftigen durch freundlich-liebevolle Ermahnung. (Fortsetzung folgt.) Kemerkungk» zur lalnmdischen Sprach- und Sachkunde. Von D r. H—ch. E. VI. Kenner auf talmndischem Gebiete wissen, daß unsere Ausgaben des Talmuds nach den Lesarten des vornehmsten Eommentators desselben, Raschi's, verbessert respektive corrigirt worden sind. Abweichende Lesarten, die Rasch! vor sich hatte und auf die er Bezug nimmt, um sie zu widerlegen, finden wir in unseren Ausgaben nicht mehr, weil Cvrrectoren und Drucker dieselben nach Raschi's Angaben verbessert haben. Daß dies nicht im Sinne Raschi's geschehen ist und häufig der Deutlichkeit seiner Worte Abbruch thut, indem er nicht selten gegen eine Lesart polemisirt, die wir gar nicht kennen, ist oft anerkannt und der. Vorgang selbst als unstatthaft gerügt worden. Denn die alten Lesarten, selbst wenn sie incorrcct waren, was aber durchaus nicht überall der Fall war, verbreiten Licht über so manche uns auffallend scheinende Erklärung der alten Commentatoren und über so manche räthselhafte Halacha bei den Dezisoren, die in jener ausgcmerzte» Lesart ihren Ursprung hatten. Häufig jedoch ist die alte Lesart stehen geblieben gegenüber der rectificirende» Raschi's, wenn derselbe nicht ausdrücklich die neue Lesart einführt, weil er nur die eine vor sich hatte. Auf diese Weise entstehen dann Schwierigkeiten, die nur durch die Ermittlung der Lesart Raschi's behoben werden tonnen. Folgendes Bei-

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