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Der Israelit · 1885-07-13 · Heft 55 (13.7.1885) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 55 (13.7.1885)
Date
1885-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. M 55, Der Israelit. (Sin GenLrat - Hrgan für das orthodoxe Audenthum. Herausgegeben von Dr. Lehmauu in Mainz. Montag, den IS. Juli SS48 (1888). Leitende Artikel. Aie Sprüche der Wüter. XXVI. Mainz, 10. Juli. „Beurtheile deinen Nächsten nicht, bis du an seine Stelle gelangst." Im ersten Kapitel wird uns von Josua ben Perachja ein ähnlicher Ausspruch tradirt: r« p nro nor rpb uwn bo. „Beurtheile jeden Menschen nach der günstigen Seite," das heißt: wenn irgeitd eine That deines Nebenmenschen im zweifelhaften Lichte erscheint, so lasse die gute Seite bei der Beurtheilung derselben vorwalten. Der Ausspruch Hillels betrifft einen andern Fall; wenn es selbst zweisellos ist, daß Jemand eine schlechte That begangen, so sei dennoch nicht hart und lieblos in deinem Urtheile. Erwäge alle Umstände, che du den Stab über deinen Mitmenschen brichst. Als Salomo den heiligen Tempel erbaut hatte, erzählen die Weisen (Jalkut, Theil II. E. 320), nahm er die Schlüssel zu demselben mit sich in sein Schlafgemach. In dieser Nacht täuschte ihn seine Gemahlin, die Tochter Pharao's, durch allerlei Künste, so daß er die Zeit versäumte und bis in den Hellen Tag hinein schlief. Mit Anbruch des Tages sollte das Morgenopfer, to bv Ten, im heiligen Tempel dargebracht werden; aber der König, der die Schlüssel hatte, schlief, und Niemand wagte es, ihn zu wecken. An jenem Tage wurde das Morgenopfer erst um die vierte Tagesstunde (10 Uhr Morgens) dargebracht. Da sammelte der junge Jerobeam 80,000 Männer aus dem Stamme Ephrajim um sich und redete Zornesworte gegen den säumigen König; und Salomo war doch nur ein ms? gewesen, hatte nur aus Jrrthum gefehlt! Als aber Jerobeam König wurde und die Süßigkeit der Herrschaft kostete, siel er aus politischen Gründen von Gott ab und ließ zwei Götzenbilder anfertigen, damit die Israeliten nicht hinwallen sollten zum heiligen Tempel in Jerusalem, der Davidsstadt, dem Sitze des Davidischen Königshauses. Jerobeam wurde ein muthwilliger Sünder, tid, ein Götzendiener, ein Verführer seines Volkes. Daher lehrt Hillel: „Beurtheile deinen Nebenmensche» nicht, bis du au seine Stelle gelangst." (Vergleiche Naschi zu unsrer Mischnah). Nach einer andern Erklärung ist unter verstanden wo vzwcto. Großen Einfluß übt auf die Art und Weise der Menschen das Land, die Stadt, der Ort, wo er lebt. Wenn du aus der Ferne vernimmst, daß Jemand sich so und so benimmt, Dies oder Jenes thut, so halte mit deinem Urtheile zurück, bis du die örtlichen Verhältnisse genau kennst. Vielleicht wird dir an Ort und Stelle Vieles in ganz andrem Lichte erscheinen, und du wirst in der Nähe ganz anders urtheilen als du es mrä der Ferne thätest. Man könnte gegen diesen Ausspuch Hillels den. Einlvaud erheben, daß man bei solcher Beschränkung des Urtheils, sich überhaupt jeder Beurtheilnng des Nebenmenschen begeben rnüßte. Dann würde aber auch gleichzeitig das Gottesgebot in Wegfall kommen, welches gebietet, den Nebeumenschen zurechtzuweisen. -rvoy na rron rain /pata yna ns a:m ab :aun vty am wh „Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen, zurechtweisen, zurechtweisen sollst du deinen Nächste» und nicht seinethalben Sünde aus dich laden." (3. B. M. E. 19, V. 17). Wie kann ich Jemande« zurechtweisen lvollen, wenn ich mir über sein Thun nur in den seltensten Fällen ein Urtheil erlauben darf? Um diese Schwierigkeit des Verständnisses zu überwinden, müssen wir de» Ausspruch Hillels

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