Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-07-09 · Heft 54 (9.7.1885) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 54 (9.7.1885)
Date
1885-07-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449554--22495-2512119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

900 Feuilleton. Derirrl. Erzählung von S. Behrend. VH. Sie rührte sich nicht bei dem Eintritte Doktor Scharf's. „Nun Herr Doktor," fragte Frau Bor», „was sagen Sie zu Ihrem Schützling?" „Moritz, was wissen Sie von ihm, wohin ist er?" fragte Scharf hastig. „Wohin? Nach Hause zu seinen Großeltern, bei denen er koscher effen will, da, lesen Sie, lesen Sie", sagte sie, Scharf einen Brief hinhaltend. — Doktor Scharf ergriff hastig das Schreiben und las. „Theure Freundin! Ich habe überwunden. Diese Nacht noch kehre ich zurück zu den Meinigen. Seien Sie glücklich, recht glücklich, und gedenken Sie meiner. Ich werde stets an Sie zu denken/haben. Wenn wir uns einst wieder sehen, werden wir ruhiger geworden sein, dann können wir uns ganz der Freundschaft hingeben. Leben Sie wohl! Ihr Moritz Dessau." Während Doktor Scharf las, hatte sich Marie langsam umgedreht, der Doktor ließ den Brief zur Erde sinken und sah die Frauen fragend an. „Was ist hiervorgegangen?" fragte er mit Stirnrunzeln. „Weiß ich es, kann ich es wissen," sagte Frau Born, „meine Tochter bekam heute Morgen diesen Brief, das ist alles, was ich weiß." „Was ist hier vorgegangen?" wiederholte Doktor Scharf und sah dabei Marie an, „ich will es wissen." — „Mein Herr", sagte Marie, „Sie haben hier durchaus nichts zu wollen, wohl aber habe ich zu wollen, und hören Sie, nicin Herr, höre Mama. Es war das letzte Mal, daß ich mich dazu hergab, einen Menschen in die Hände der Missionäre zu liefern, das letzte Mal. Es ist dies mein fester Entschluß, Mama!" und sich an Doktor Scharf wendend, fuhr sie fort: „Und, wenn Ihre ganze Klerisei mit Bitten oder Drohungen käme, es würde nichts nützen, nichts!" Erstaunt sahen Frau Born und Doktor Scharf einander an. — „Also ein Komplott", sagte Doktor Scharf nach einiger Zeit zähneknirschend, „ein Komplott gegen Ihre Mutter, gegen mich, gegen die Religio», und Alles, well dieser Jude ein wenig Larve hat?" „Weil dieser Jude mir theuer war, Herr Doktor, und ich nicht wollte, daß er betrogen werden sollte, am wenigsten von Ihnen betrogen werden sollte; er weiß Alles, hören Sie, er weiß Alles. Es war meine Pflicht, ihn seiner Familie zurückzngeben, und deßhalb nmßte er Alles wissen." — Doktor. Scharf stampfte auf den Boden und streckte der Schauspielerin wnthend die Fäuste entgegen, seine Brust arbeitete gewaltig und keuchend flog der Athem ein und aus. Wehklagend, die Hände ringend ging Madame Born im Zimmer auf und ab, die gute Frau litt schrecklich bei dem Gedanken, daß in Folge dieses Vorfalles ihre und ihrer Tochter Seligkeit eingebüßt sein könnte. „Herr Doktor!" rief sie, „verzeihen Sie meiner Tochter, verzeihen Sie mir; das arme Kind weiß ja nicht, was ihrer Seele noth thut." „Verdammt sei sie!" rief Doktor Scharf wüthend, — „verdammt für alle Ewigkeit." „O, mein Gott! mein Gott!" rief die gequälte Frau und schlug die Hände über dem Kopf zusammen; sie. warf sich Doktor Scharf zu Füßen und umfaßte seine Kniee. „Fluchen Sie ihr nicht, haben Sie Mitleid mit der Muttter." — „Kniee nicht vor dem Menschen," rief Marie. „Sie können uns unsere Seligkeit weder schmälern noch vervollkommenen; stehe auf, und Sie, mein Herr, bitte ich, sich zu mäßigen", sagte sie zu Scharf gewendet. „Ich werde sonst die Nachbaren zur Hilfe rufen." — Doktor Scharf warf beiden Frauen einen wüthenden Blick zu und eilte zur Thür hinaus. Draußen kühlte sich seine Wuth etwas, er konnte wieder denken. Moritz wußte alles, hatte es von Marie erfahren. Sein erster Gedanke war, Müller sogleich alles mitzutheilen, damit dieser sich und ihn in Sicherheit bringen könne. Noch war Müller wahrscheinlich zu Hause. Er warf sich in eine Droschke und fuhr nach dessen Wohnung. — Müller hatte seine Wohnung, wie Scharf vorausgesetzt, noch nicht verlassen, und, wie es schien, hatte er auch nicht die Absicht. Leichenblaß saß er auf dem Sopha, einen Brief in den erstarrten Händen haltend. Doktor Scharf merkte nichts. Er sah sich vorsichtig im Zimmer um und sagte: „Sind wir allein, Müller?" Dieser überhörte diese Frage. Er sprang auf und Scharf den Brief, den er in den Händen hielt, entgegen haltend, rief er: „Das ist Ihr Werk, Herr Doktor, Ihr Werk!" — Doktor Scharf erschrak, er ergriff den Brief. — Es war die Entlassung Müllers aus seiner Stellung. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.