Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1885)
- Date
- 1885-07-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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899 verschämten Lüge, ein Mann Gedanken über die Juden an den Tag legt, die einem unabläffigen geistigen Schaffen von zwanzig Jahren entspringen: denn diese Gedanken können nur ehrend Kr uns sein. Ein Werk „Mission des Jnifs,“ die Sendung der Juden, genannt, erregt unsere Neugier durch seinen Mel, zwingt uns zur Lektüre durch das Uebermaß von Begeisterung, das ihm von französischen Zeitungen und Zeitschriften gespendet wird, durch die glänzenden Lobeserhebungen, die die nüchterne Kritik der Fachbtätter Frankreichs ihm darreicht. Der Marquis de Saint-Yves hat in zwei Decennien die Riesenarbeit vollbracht, die Gesannutheit der uns bewahrten Literaturen und Denkmäler des grauesten Alterthums zu durchforschen, mit minutiöser Genauigkeit die überlebenden Zeugen der orientalischen und occidentalischen Eulturen zu ergründen. Ich unterlasse es die Prinzipien des Völkerglückcs, die dem Herrn Marquis aus diesem gewaltigen Süick Geschichte resultiren, hier vorzulegen und zu behandeln, well wir nicht in den Prinzipien, wohl aber m sehr zahlreichen und gewichtigen Prämissen ihm, der den Boden unserer helligen Tradttiou vielfach verläßt, entgegen treten müßten und an dieser Stelle Kr umfassende Controverse nicht der Raum ist. Nur dies sei gesagt, das; er neben den ernstlichen Christen auch in den Juden, die ihren Glauben Hochhalten, die berufenen Vertreter Md Vorkämpfer der Gedanken sieht, deren Verwirklichung nach ihm das Wohl aller Staaten, der ganzen Welt in sich tragen, die er mit Recht als die grundlegenden unserer helligen Schriften erkennt und bezeichnet. Zu ideell Kr unsere Tage, in denen die Race mehr denn je betont wird, in denen das Antisemitenchum geschaffen wird, damit sich gegensätzlich zu ihm ein Deutschthum bilde und stärke,, in denen als nothwendige Reaction dem Deutschthum das Slaveu- Md Czechenthum die Stirn bietet, zu ideell für diese rückschreitende Zeit sind die Prinzipien des Marquis, die sich an den Menschen wenden und Menschlichkeit wollen. Daß Geist und Gemüth eines Gelehrten, der so tief hmabgctaucht ist in das Meer der Vergangenheit, frei sind von jedem Vomrtheit, rein und lauter jeden Eindruck empfangen und wiedergeben, kann nicht verwundern. Mit inniger Befriedigung lesen wir daher die Anerkennung, die 8t.-Yves voll Gerechtigkeit jüdischen Eigenschaft^ spendet, die er der wissenschaftlichen Thätigkell der Juden währenddes Mttelalters zollt, die er in einer warmen, schier poetischen Schllderung dem jüdischen Famllienleben entgegenbringt. Wenn ein Mann, der nur nach Wahrhell strebt, so von uns spricht, dürfen wir uns da nicht freuen? M. B. P a l ä st i n a. Auch in Palästina gibt es Autisemllcn, ob einheimische oder zugereiste, ist nicht genau bekannt. Ein solcher Antisemit wollte unlängst von Jaffa nach Jerusalem fahren und sagte zum Wagcnmeister: Besorgen Sie mir einen Platz auf einem Wagen; jedoch darf kein jüdischer Kutscher, kein jüdischer Passagier, noch überhaupt etwas Jüdisches auf oder an dem Wagen sein. Der Wagenmeister, selbst eiu Jude, den aber der Antisenut Kr einen Christen hielt, antwortete: Es thut mir sehr leid, mein Herr, alle» Ihre» Wünschen nicht entsprechen zu können; aber das Eine kann ich Ihnen garantiren, die Pferde an dem Wagen werden sicherlich keine Jude» sein. Algerien. Algier. Ueber die bereits berichteten Ausschreitungen gegen die Juden wird von dort gegemeldet: In einem Concertsaal führte man ein Theaterstück auf, in welchem über die Inden gespottet wird. Der jüdische Gemeindevorsteher erhob dcßhalb Beschwerde und die Behörde hat die fernere Aufführung des Stückes verboten. Am 24. Juni zogen mm etwa 200 Individuen auf den Regiernngsplatz und schrien: Nieder mit den Juden! Tod den Juden! Die Polizei schritt ein und nahm mehrere Verhaftungen vor. Die Bande zerstreute sich, sammelte sich aber an einer andern Stelle wieder und wollte die Magazine erbrechen, worauf die Polizei wieder fünf Personen verhaftete. Am 25. und 26., Abends, wiederholten sich die Nuhestönmgcn. An verschiedenen Punkten wehrten sich die Juden mannhaft und zwangen die Ruhestörer sich zurückzuziehen. Von den Verhafteten sind.25 sofort zu verschiedenen Gefängnißstrafeu vcrnrtheilt worden. M a r o c c o. Fez. Wiederum sind mehrere, unter fremdem Schutz stehende angesehene Juden mißhandelt worden, weil sie in dem maurischen Stadttheil mit Schuhbekleidung spazieren gingen. Ein Jude, Namens Mordcchai Benatar, wurde vom Marktinspector bastionirt, weil er sich rvcigerte, bereits verkauftes Fleisch an ihn zu verkaufen. Der neueruanute französische GesaMe, Herr Feraud, hat vorn Sultan das Versprechen erhalten, daß das Mellah (Judenviertel) erweitert werde, damit man für die ärmeren Juden billige Wohnugcn errid)tcn könne. Wenn auch nur das Versprechen gehalten wird!