Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1885)
- Date
- 1885-07-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449553--22483-2512106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
889 hauptet, die jüdischen Distriktspräsidenten selbst in einer Eingabe an das Ministerium gegeben. Pefth. Das civilisirte Europa hat mit Staunen dem berüchtigten Proccß zu Nyiregyhaza zugeschaut. Die Lüge und die Niedertracht, der Meineid und die Jnqnisitionskünste, die brutale Mißhandlung der Angeklagten und Zeugen, welchen man beliebige Aussagen erpreßte, schienen kaum denkbar in dem Rahmen eines geordneten Prozeßverfahrens in einem Lande, welches äußerlich mit einem europäischen Firniß übertüncht ist. Sticht blos die antisemitische Partei aller Länder, sondern auch die klerikalen Organe in Oesterreich-Ungarn leugneten hartnäckig jede Möglichkeit einer Tortur. Der neulich erst avancirte, mit der Untersuchung betraute Vary war ein gefeierter Held in den Versammlungen und Zeitungsspalten. Dieser- Tage ist neuerdings ein Beweis erbracht worden, daß jetzt noch bei manchem ungarischen Gericht mittelst der Tortur Geständniffe erpreßt werden. Ter Fall, der berechtigtes Aufsehen verursacht, ist folgender: Vor mehr als sieben Jahren wurde der ungarische Bauer Michael Köteles unter der Anklage verhaftet, daß er sein Weib durch einen gedungenen Mörder habe umbringen lassen. Köteles leugnete Anfangs entschieden, vor dem Untersuchungsrichter aber legte er ein Geständnis; seiner Schuld ab. Bei der Gerichtsv.erhaudlung wid.rrief der Angeklagte das Gcständniß, bctheucrte stine Unschuld und erklärte, daß ihm das Gcständniß durch Tortur abgerungcn worden sei. Hierauf achtete jedoch das Gericht nicht und Köteles wurde zu zwanzigjährigem schweren Kerker vcrurtheilt. Er appellirte, die zweite und dritte Instanz bestätigte das erstrichterliche Urtheil, immer auf Grund seines „Geständnisses", ohne daß man untersucht hätte, ob die Angabe, daß er gefoltert worden sei, aus Wahrheit beruht oder nicht. Noch ein viertes Mal kam der Fall vor Gericht, das erste Urtheil wurde abermals bestätigt und Köteles zur Abbüßung seiner Strafe nach der Strafanstalt Lcpoglawa gebracht. Da der eigentliche Mörder inzwischen, und zwar noch vor den Gerichtsverhandlungen, gestorben war, so bot sich für Köteles keine Aussicht dar, vor Abbüßung der zwanzig Jahre ans dem Kerker befreit zu werden. In der Strafanstalt Lepoglawa wendete sich der Unglückliche an den dortigen protestantischen Anstaltsscelsoger, klagte ihm seilt Leid und bat ihn um seine Unterstützung. Der wackere Priester gewann allmählig die Uebcrzeugung von der Unschuld desVerurtheilten und er bemühte sich für diesen so lange, bis der Prozeß wieder ausgenommen und eine neue Untersuchung, resp. eine neue Gerichtsverhandlung angcordnct wurde. Zu dieser Verhandlung war nur noch die „königliche Tafel" in Pcsth, der zweithöchste Gerichtshof des Landes, kompetent, und vor diesem fand in den letzten Tagen in der That die Verhandlung statt. An» Donnerstag fällte die „königliche Tafel" das Urtheil: Die ersten Urtheile gegen Michael Köteles sind anfzuhebcn und derselbe, nachdem er sieben Jahre schweren Kerkers verbüßte, sofort sreizulassen. In der Begründung hies cs, die Unschuld des Köteles sei allerdings nicht nachgcwiescu worden, aber auch der Beweis für seine Schuld könne nicht hcrgestellt werden. Die Frage ob Köteles in der ersten Untersuchung durch Tortur zu einem Gcständniß gebracht wurde, hat auch die „königliche Tafel" nicht untersucht und nicht entschieden. Horodeuka, l). Juli. Der fürchterliche Brand, der gestern hier ausbcach, vernichtete mehr als sechshundert Häuser. Fünftausend Menschen, meistens arme Israeliten und Häusler, sind obdachlos, brodlos und ohne Hilfe. Der Brand, der von einem heftigen Sturme angefacht wurde, gestattete den Bedrohten kaum, das nackte Leben zu retten. Zwei Menschen sind verbrannt, mehrere Kinder werden vermißt. Frankreich. Aus Paris ist der „Vossischcn Zeitnng" folgende cigenthümliche Meldung zugegangen: „Am Montag, dem 29.Juni, Abends, erschien der Kutscher Doix auf dem Polizeiposten der Rne Saint Vincent de Paul mit zwei Mädchen, der 14 jährigen Lina und der fünfjährigen Anna Scligmann, welche nur deutsch verstanden. Der Kutscher erzählte, auf dem Boulevard Saint Martin habe eine ältere Dame beide Kinder in seinen Wagen gesetzt, ihm die Fahrt bezahlt und als Adresse ihrer Eltern Ruc Dunkerque 10 angegeben. Dort aber war der Name Scligmann vollständig unbekannt, ebenso in der ganzen, nicht langen Straße. Der Polizcikommiffär befragte nun die beiden Schwestern, deren hauptsächlichste Angabe darin besteht, sie seien ans Berlin und am selben Morgen mit der Eisenbahn in Paris angekommen. Sie gehören dem mosaischen Bekenntnisse an. Die deutsche Botschaft ist unterdessen von dem Vorfälle verständigt worden.