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Der Israelit · 1885-06-29 · Heft 51 (29.6.1885) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 51 (29.6.1885)
Date
1885-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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845 hat unsere Religion keine Toleranz. Fremden Religionen gegenüber sind wir, ist unsere Religion to- Jtarjflnt; sagt sie doch: „Die Gerechten anderer Nationen und Religionen haben Anthcil Leolorn haho. aber im Jndenthum selbst, da gibt cs keine Toleranz; die Rcligionsgesctze sind da, an nns ist cs, sic zn halten, und nicht kommt es nns z», daran zu rütteln und zu modeln. Veraltet nennt sie mancher, dem ihre Beobachtung unbequem ist, und sich tolerant, weil er nicht beobachtet. Nein, die Intoleranz kann man dem Jndenthum nicht vorwcrfcn, denn cs geht nicht aus seiner Sphäre heraus um in fremdes Gebiet zu treten, aber i n seiner Sphäre, da ist cs dominircnd, da duldet cs nichts Fremdes, da ist cs, wenn Du das Wort verzeihen willst, intolerant. Durch den Besuch der christlichen Schnlen wird die Glaubcnsfcftigkeit Deiner Tochter in mancher Hinsicht wankend werden, und die Intoleranz der jüdischen Religion wird sic zweifeln lassen an sich selbst. Jsolirst Du dadurch nicht Dein Kind in jeder Hinsicht? Wähnst Du, das Beispiel habe keine erziehende Kraft? Die Kraft des Beispiels wirst Tu rasch erproben, und ist die Schranke, welche Deine Tochter heute noch in den Grenzen der Religion zurückhält, erst einmal gefallen, hat Dein Kind erst einmal, wenn auch unbewußt, eine Religionsvorschrift übertreten, so ist die Dresche da, durch welche mit der Zeit die Lauheit in der Religion einzieht. Ta unsere Religion jedoch so intolerant ist und sich den Forderungen gewisser Neuerer nicht anbcqucmt, kannst Du Dir selbst die Schuld znschrcibcn, wenn Dein Kind über seine eigene Religion anders denken lernt als Du erwartest. Und wcßhalb suchst Du solchen Umgang für Dein Kind? Anstatt ihn zu fliehen, bettelst Du darum! Wo ist Dein Stolz? Es ist unangenehm für Jeden, der cs mit dem Jndenthum ehrlich meint, sein eigenes Kind vom Christenthum erziehen zn lasten. Wie glücklich ist der, dem sich die Gelegenheit bietet, seine Tochter in jüdischem Geiste, in jüdischer Schule bilden lassen zu können! Ten letzten Pfennig sollte Jeder daran wenden, seine Tochter im und znm Jndenthum erziehen zu lassen. Man sage mir nicht, Unterricht und Erziehung seien verschiedene Dinge; ein wahrer Unterricht ist ein erziehender, und kein geringeres Ziel hat die Pädagogik als: den erziehenden Unterricht. Darum nochmals, wende Alles daran, Deine Kinder, besonders Deine Töchter, im Geiste des Jndculhnms unterrichten und erziehen zu lassen. Das Beste, was die Eltern ihren.Kindern fürs Leben mitgcbcn können, ist eine tüchtige, auf religiöser Grundlage basirtc Bildung. Die Schule ist die Vorbereitung für das Leben; wer ein jüdisches Leben führen will, muß durch das Jndenthum dazu vorbereitet sein. Und unsere Pädagogik, die Pädagogik der Inden, woher ist sic geschöpft? Sie ist ans hcil'ger Quelle, ans dem nie verstechenden Born der Thora geschöpft; sie ist erprobt seit Jahrtausenden, geprüft nnd hat bestanden in Zeiten großer Roth. Alle die Ideale, welche unsere Klassiker dem weiblichen Geschlecht schildern, können Ideale des jüdischen Mädchens werden. Haben wir keine Ideale in unserer Geschichte? Warum sollen unsere Töchter die LebenSgefchichtcn der Geisteshelden anderer Nationen bis ins kleinste erfahren, und von den Gcisteshclden der eigenen Nation sollen sie Nichts hören? Schiller, Göthe, Lessing, sind unseren Töchtern wohl bekannte Namen, jedoch Maimonidcs, Ramban, R. Jehuda Halevi, Hillel, Schamai rc. rc. sind ihnen unbekannte Größen. Und welche Fülle des interessantesten Stoffes birgt die jüdische Geschichte! Einen Schatz enthält sie, reicher als alle Schätze der Welt — doch muß man sich bemühen, diesen Schatz 311 heben. — Wie klug sind jetzt manche Lehrer der Naturwissenschaften! Nicht zufrieden damit, selbst nicht mehr zn glauben, setzen sic ihren Stolz darin, den Kindern den Glauben an die heilige Schrift und deren Inhalt zn rauben. Zwölfjährige Kinder lächeln superklug über die Wunder der heiligen Schrift. Sagen und Legenden nennen sic deren Inhalt! Vor solchem Unterricht hüte Deine Tochter wie vor der Pest! Es gibt nichts Häßlicheres ans der Welt und auch nichts Unglücklicheres, als eine Frau ohne Religion und ohne Glauben! Vor solcher Bildung schütze Tein Kind! Schule nnd Haus sollen bei der Erziehung Hand in Hand gehen, nnd dcßhalb darf das Haus das nicht verderben, was die Schule lehrt, und umgekehrt, die Schule nicht die Sitten und Gebräuche des Hanfes lächerlich machen. Unsere Zeit ist eine Zeit der Reformation auf jedem Gebiete, so auch auf dem der Erziehung. Die Tugenden unserer Vater schwinden bei der heutigen Jugend immer mehr. Pietät, Bescheidenheit, Dcmnth, die schönsten Blüthcn im Tngcudkranzc des Weibes, sie vor allen Dingen muß das Mädchen israelitischen Stammes üben lernen, erst dann wird der Spruch jenes Propheten wahr: Mali tuuwu auholecho jaakow, mischkenosecho jisroel. Die Jungfrau ziere holde Scham, daß kein frivoles Wort ihrem Ohre je gefalle nnd sie mit Abscheu jene Sndclromanc von sich weise, welche gegen dieses erste Gesetz der Acsthctik verstoßen. Ihr Geschmack werde so gebildet und geläutert, daß sic sich selbst ein ttrthcil über das bilden kann, was sittlich schön und was verwerflich ist. lieber der Bildung des Verstandes jedoch vergesse man nicht die Bildung des Herzens und des Gcmüthes und vor allen Dingen nicht die Bildung, welche von

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