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Der Israelit · 1885-06-29 · Heft 51 (29.6.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 51 (29.6.1885)
Date
1885-06-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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844 Mara (Bitterkeit), denn Gott hat Bitteres mir beschieden. Reich und vornehm, umgeben von den Meinen, beglückt durch alle irdischen Guter bin ich fortgezogen, und leer hat mich Gott zurückgcsiihrt." ' Das war das Geschick, das den sonst frommen und gottesfiirchlkgen Elimelech erreicht, weil er sich von der Gemeinde losgesagt und ihren beiden sich hatte entziehen wollen. Diesem Gedanken hat auch Mordechai in seiner Mahnung an Esther Ausdruck verliehen. Ter fürchterliche Mordanschlag Haman's sollte alle Juden treffen. An einem' einzigen Tage sollten sie alle vertilgt werden, Männer, Frauen und Kinder. Aber eine Jüdin befand sich im Palaste des Königs, Esther, die Gemahlin des Königs; ihr läßt Mordechai gebieten, daß sie zum Könige komme, ihn anzuflehen und für ihr Volk zu bitten. — Esther antwortet ausweichend, es sei bei Todesstrafe verboten, »»gerufen znm Könige zu kommen. — Wie, läßt Mordechai ihr sagen, du willst dich lossagen von der Gemeinde, meinst, weil du die Gemahlin des Königs bist, dem Geschicke der Gemeinde zu entgehen, willst ein Leben nicht wagen, das du nicht mitbedroht vermeinst? „Gib dem Gedanken nicht Raum, daß du im Hause des Königs, allein von allen Inden, errettet lverdest. Wenn du schweigen, schweigen wirst in einer solchen Zeit, so wird Freiheit und Rettung erstehen den Inden von einem andern Orte ans; du aber und dein Vaterhaus, ihr werdet zu Grunde gehen!" Und Esther begriff sofort die Gemeinsamkeit, die das Volk Gottes umschließt, die Gegenseitigkeit, die allen Kindern unseres Stammes Pflicht ist, und sie verordnet: „Fastet und betet i h r f ü r m i ch Py raun, und ich und meine Mädcheu, wir werden für euch fasten und beten", p disn. — Und Gott sah das Fasten und erhörte das Gebet, und die Zugehörigkeit der erhabenen Königin zu ihreni bedrängten Volk ward zum leuchtenden Beispiele für alle Zeiten. „Sage dich nicht los von der Gerneinde!" Siehe, die ersten Führer unseres Volkes nach der babylonischen Gefangenschaft, die Männer der großen Synode, haben alle unsere Gebete derart abgefaßt, daß jeder Israelit, jede Israelitin niemals für sich allein, sondern stets für die Gesammtheit beten. Dn betest nicht: „gib mir Verstand, Vernunft und Einsicht, führe mich zurück zu Deiner Lehre, verzeihe mir, denn ich habe gesündigt, siehe mein Elend und erlöse mich, laß mich genesen von m einer Krankheit, laß m i ch gute Jahre erleben — nein, nicht also ist unser Gebet eingerichtet; wir beten vielmehr stets und immer für uns und für Alle mit uns. Und selbst wenn du auf Reisen dich begibst, und du bist ganz allein und einsam, so betest du: „es sei wohlgefällig vor Dir, Ewiger, unser Gott, daß dn uns reisen laffeft i» Frieden und Sicherheit und u n s in Frieden und Sicherheit in die Heimath zurückkehren lassest." Es ist ja nicht anzuuehmcn, daß nicht noch Jemand außer dir sich ans Reisen befindet, und diese Unbekannten mußt du in dein Gebet cinschließen; denn es ziemt sich nicht, daß Jemand etwas für sich allein vom Allvater erbitte, ohne derer im Gebete zu gedenken, die sich mit ihm in gleicher Lage befinden. Die Selbstsucht soll bei uns Juden keine Stätte finde». „Sondere dich nicht ab von der Gemeinde!" Jeder, der den Kummer der Gemeinde nicht fühlt, dem die Roth der Gemeinde nicht zu Herzen geht, der wird die Errettung der Gemeinde nicht schauen, an ihrer Freude keinen Theil haben, wie es heißt npy L'bxncn ho bwg nnx vtrv „nur diejenigen werden sich mit dem wiedererstandenen Jerusalem wonniglich freuen, die um die Zerstörung der heiligen Stadt getrauert haben". (Jesaias E. 66, V. 10). Wer nur sich kennt und an den Leiden und Freuden seiner Mitmenschen keinen Autheil nimmt, der ist arm und beklagenswerth. Wer aber mit den Leidenden leidet und ihre Roth zu lindern sich bemüht, der wird auch mit den (Glücklichen sich freuen; ihm erblühen die schönsten und raufte« Freuden in dieser wie in der künftigen Welt. (Fortsetzung folgt.) Briefe üöer die Grzkeöung der Mädchen im Zudentßum und zum Zudentkum. Von H. Berger. IV. Mein jüngster Brief erfreute Dich wegen des Eifers, den ich darin für das Judenthum gepredigt, und Du wünschst, daß möglichst viele Juden so denken — gebe es Gott, und meine Briefe haben ihren Zweck erfüllt. Zugleich hältst Du mir das Wort „Toleranz" entgegen und fragst, ob nicht unser ganzes Streben jetzt dahin gerichtet sei, mit den übrigen Collfessioneu gleichberechtigt zu sei». „Sind Deine Briefe in Deinem Eifer für die gute Sache nicht „intolerant" gewordenV" fragst Du. „Können sie nicht von einem Roscho als Waffen gegen uns benutzt werden?" Darauf erwidere ich Dir mit ruhigem Gewissen: Wer unser Kol-Ridre als Waffe gegen uns benutzt, der kann auch jedes meiner Worte als Intoleranz auslegen. Wo gibt es eine Religion. die toleranter ist. als unsere heilige Religion? Gebietet sie uns nicht, selbst den Fremdling zu liebend Wer aber unter Toleranz, Lauheit und Flauheit in Religionssachen versteht, der irrt gewaltig, für den

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