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Der Israelit · 1885-06-25 · Heft 50 (25.6.1885) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 50 (25.6.1885)
Date
1885-06-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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829 (die Mitglieder der Gottheil'schcn n. s. w. Gemeinden sprechen anch von Pyilippsohn, Rahmcr und Konsorten als Vertretern der religiösen Richtung). Zn. der Höhe der amerikan. Nesormrabbincr, tvclche die jüdischen Gebete auf ein Minimum rcducirt habe», in ihren sogenannten Gotteshäusern das Hntabnehmen obligatorisch machten, das Znsanttncnsitzcn von Männern und Frauen anordneLen, den 2. Tag L"' abschafftcn u. s. w., haben sich bisher die meisten Reformer in Europa nicht erhoben, wenn auch bekanntlich jenseits des Lccans die Kluft zwischen Reform und Orthodoxie schon ziemlich groß ist. Unter den hier obwaltenden Umständen war man allgemein gespannt, wer der zum Nachfolger Hübsch's Erkorene der Gemeinde „Ahawath Ehcscd" sei, ganz besonders, da man wußte, daß die Gemeinde vor Allem einen berühmten Mann zu importiren wünschte, Nicht daß die Gemeinde davor zurückschreckte, daß ein großer Theil hiesiger Rabbiner anch im Privatleben (durch bxc 'msne n. s. in.) gegen die Neligionsgesetzc verstößt, G. bewahre, man wollte eben einen gelehrten Mann von Ruf haben, und die sind hier trotz der großen Zahl der „Doktoren" sehr dünn gcsäet. Da haben nun ein oder zwei Vorstandsmitglieder der Gemeinde auf einer Reise in Europa Umschau gehalten, und ihren persönlichen Vorstellungen ist cs gelungen, Herrn Dr. Kohut in Großwardein zur Annahme des „Scelsorger"-Poftens zu gewinnen. Es war hier schon vor Eintreffen K's. bekannt, daß er zwar zu Hanse Reformer war, allein doch noch ziemlich viel religiöse Grundsätze habe, die ihn (der kein ns-ita ißt, 'er nicht fährt n. s. w.) bei seinem Publikum als orthodox verschrieen, und war man daher begierig, wie sich der Mann, dem anch der Ruf eines Gelehrten voransging, hier einführcu würde. Dr. K. konnten nur zwei Dinge (neben den pekuniären Verhältnissen) veranlaßt haben, hierher zu gehen; entweder er kannte die Tendenzen der Gemeinde nicht genau, oder er wollte die Herknlesarbcit der conscrvativcn Reform aufnehmen und dem Treiben der Wise, Gottheil, Hirsch u. Cie. ein Gegengewicht bilden. Daß, wie so viele College« KohutS, er sich selbst reformircn würde, glauben hier die Wenigsten, wenn auch K's. College» die Ansicht vertreten,. K., obwohl noch weit von den Ansichten der Orthodoxen entfernt, kann einmal hier als conscrvativ gelten, und cs wäre unrecht, einem Manne von Charakter znzntrauen, daß er seinen in der Antrittsrede gebrauchten Worten, er stehe auf dem Standpunkte des Talmuds untreu werde. Nach diesen Worten ist vielmehr anznuehmen, daß mit K. ein neuer Geist in das amerikan. Reformjudenthum eingezogen ist, und es ist zu hoffen, daß der Einfluß dieses Herrn für das wahrhafte Indcnihnm von wohlthätigstcm Erfolge sein möge. Für Herrn Dr. Kohut gibt es kein Stchcnbleiben, entweder er zieht die Gemeinde zn sich herüber, oder er läßt sie im Stiche und sagt ihr Adieu. Bei dem motorischen Talente dieses Mannes und bei der Thatsache, daß gerade im böhmischen Tempel noch eine Anzahl Gemcindemitglicdcr sind, die im Privatleben ganz religiös sind, läßt sich hoffen, das; die Rcformar'beit, in dem Sinne der Rückkehr znm wahren Jndenthnm, von Erfolg sein wird. Ich betone wiederholt: was die orthodoxe Richtung des IndenthumS verlangt, leistet Kohut nicht ganz, allein mau darf hier zu Lande nicht Alles auf einmal verlangen. Tie hiesigen Reformatoren müssen ja jetzt schon einschen, daß ein Fortschreiten auf der von ihnen betretenen Bahn das Indcnthnm bald dahin bringt, wo ein Rabbiner so überflüssig wie ein Tempel ist; deshalb ist vielleicht zu hoffen, daß der rollende Stein Dr. K's. manche kleine Größe von Rabbinern nach sich zieht. Die Orthodoxie kann nur wünschen, daß Dr. Kohut die Wege zur Besserung ebnet, und so gut er dann die Gemeinde ans den „Hübschen" Bahnen lenkt, so wird dann, wenn Dr. K. das Werk nicht ganz vollendet, später ein Anderer berufen sein, die „Rückwärtsbcwcgnng" (wie man sie hier nennt) fortznsetzen. Die bisherigen Predigten Dr. KohutS sind gute Anfänge; er sacht zunächst durch Beredtsamkeit zn wirken und betonte bisher die Mangelhaftigkeit des Gebetbuchs, ermahnte, den Werktagsgottcsdienst wenigstens an mwi rwnp vsr wieder cinzuführen «. s. w. Eines der wichtigsten Dinge, die Dr. K. vor noch durchzusetzen sich bemühen sollte, ist das Halten des zweiten Tages v"-, Bedeckung des Hauptes beim Gottesdienste u. s. w. Bei der Vorstellung in der jüdischen ttnterrichtsanstalt der Gemeinde drückte Dr. K. den Wunsch ans, daß mehr Hebräisch in der Schule gelehrt werde, so daß die kommende Generation die Bibel im Originaltexte besser verstehe. Vom nächsten Herbste ab will er sich selbst Sabbat Nachmittag dieser Aufgabe widmen. Hoffen wir nun das Beste. Möge die Zeit nun auch bald kommen, wo in Amerika Schüler des Hildeshclmer'schen Seminars als Rabbiner zn finden sind. Der Allmächtige wird, wie so oft die Geschichte des IndenthumS zeigt, sich auch hier zu Lande wieder erbarmen, und nach dem Verfall ein neues Erblühen des wahren IndenthumS folgen lassen. pn w p.

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