Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ihn zu dem gemacht, was er ist. Wen» du so verführst, wirst du dich nicht absondern, sonder» dir alle Mühe geben, bessernd auf deine Mitmenschen einzuwirke». (S-iit dritter Grund, der viele große und bedeutende Männer veranlaßt, sich von de» öffentlichen Angelegenheiten znrnckznzichen, liegt manchmal in dem eigenwilligen und rechthaberischen Eharakter derselben. Sie meinen es gm und. wollen nur das Gute. Das aber wollen sie gewaltsam durchsetzen. Widerspruch können sie nicht ertragen, und wenn sie etwas zum Besten der Gemeinde einrichten wollen, was dieser zu errichten unmöglich erscheint, so ziehen sie sich grollend zurück. Einem Solchen ruftHillel zu: Vertritt niemals eine Sache, für die du unmöglich Gehör finden kannst, derart, daß du behauptest, sie müsse doch endlich Gehör finden. Tritt deßhalb nicht von der Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten Zurück, sondern füge dich der Ansicht deiner Genossen. In uusereul täglichen Gebete werderr viele und bedeutende Dinge ansgczählt, deren Früchte der Mensch in dieser Welt genießt, während er durch sie ein Capital ausammelt für die Zukünftige Welt, und am Schluffe heißt es: nfro tüd mtn -,^n „Das Studium der Gotteslehre gilt so viel wie alle diese Dinge zusammen." Gibt es wohl einen bessern Vorwand, sich von der Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten zurückznziehen als den, daß man sagt: Ein Gemeindeamt raubt mir einen großen Thcil meiner Zeit ««d stört mich km Studium der GotteslehreV Ich habe den besten. Grund, mich frei zu machen von den öffentlichen Angelegenheiten, rutft* russe'*, denn, wenn ich mich davon freigemacht haben werde, will ich w(cnmi" und nichts als „lernen!" — Aber selbst das ist nicht der rechte Weg; noch wichtiger als das Studium der Gotteslehre ist die Sorge um das allgemeine Wohl, und wer dafür zu arbeiten vermag, und es nicht thut unter dem Borwaude, daß er sich ausschließlich dem Studium der Thora widmen will, der wird vielleW nicht das Glück haben, diese seine Absicht ausführeu zu könne»; es gibt noch andere Hindernisse, die ihn vom Lernen zurückhalten können; er kann sein Vermögen verlieren und muß dann für seinen Lebensunterhalt arbeiten; es kann ihn das Loos der Verarmung treffen, wodurch er vom Studium Mückgehalten wird; Krankheit kann seinen Körper zerrütten und ihm das Forschen unmöglich machen, oder es Kitt gar der Tod ein, der seinem Studium ei« tzsrzeitigcs Ende bereitet. Hätte er sich aber den Angelegenheiten der Gemeinde gewidmet, mit «Mrichüger Liebe und Hingebung für das öffentliche Wohl gesorgt, so würden ihm die großen Verdienste, die. er sich um sein Volk bei Gott erworben, vor solchen traurigen Eventualitäten geschützt haben. Daher ermahnt Hille!: Sprichnicht, wenn ich mich frei gemacht haben werde (von der Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten), will ich lernen, denn vielleicht wirst du auch in diesem Falle die ersehnte Muße nicht finden. Daher ergreife die Gelegenheit, wo immer du dich nützlich mache» kannst, und laß keinen Vorwand gelten, selbst den besten nicht, der dich von der Sorge für das allgemeine Wohl entbinden soll! Wenn es nun auch von der größten Wichtigkeit ist, der Gemeinde voll und ganz anzngehören und sich nicht von ihr abzusondern, so können dennoch Fälle und Umstände eiutreten, in denen es sogar zur Pflicht wird, aus der Gemeinde auszutrcten, bei denen die Mahnung Hillels durchaus keine Anwendung findet. Diese Fälle und Umstände wollen wir später ausführlich erörtern imb zugleich Nachweisen, daß sich daraus der Ansspruch Hillels nicht bezieht; denn die israelitische Gemeinde ist eine Institution, die es ermöglichen soll, Gott zu dienen und Seine heiligen Gebote zn halten. Das ist unseres Lebens erster und vorzüglichster Berus, dem alle übrigen Rücksichten nachftehen müssen. (Fortsetzung folgt.) Amerikanische Miefe, n. □ New-Bork, 25. Mai. Wenn heute der größte Theil meiner Correspoudeuz den neuen Rabbiner der Gemeinde „Ahawath Ehesed" zum Thema hat, so geschieht es aus dem Grunde, weil, nach der Allsicht einer großen Anzahl Glaubensgenossen, mit dem Einzug dieses Mannes in das „gelobte Land" Amerika und besonders in die Metropole des Landes eine Umwälzung in den religiösen Verhältnissen sich vorbereitet und hoffentlich auch Platz greift. Die Gemeinde „Ahawath Ehesed", deren Synagoge im Volksmunde unter dem Namen „böhmischer Tempel" bekannt ist, zählt zn den größten Gemeinden des Landes und erhob sich, Tank der — Führung ihres im lebten Jahre gestorbenen Rabbiners Hübsch, zu einer Reformgemeinde in echt amerikanischem Sinne. Wenn ich „amerikan. Reform" betone, so will ich damit die extremste Reform tut Jndeuthnm audeuten. eine Richtung, der gegenüber die meisten deutschen Reformatoren fast für orthodox gelten