Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVL Jahrgang. M 50, Der Israelit. E i n Gentrat - Hrgan für das orttiodoXe Iudenthum. Herausgegcbcu von I)r. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 25. Juni 5645 (1885). Ä Da mit dem 1. Juli 1885 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrte» Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß. damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitende Artikel. Die Sprüche der Waler. XXI. K i s s i n g e n, 22. Juni. Auch Rabbi Samuel de Oseda sucht die fünf verschiedenen Theile unserer Mischua von einem einheitlichen Gesichtspunkte aus zu erklären. Nach ihm schließt der Inhalt derselben unmittelbar an das Vorhergehende an, was noch einleuchtender erscheint, wenn wir in dem hier genannten Hillel, wie wir bereits im vorigen Kapitel bemerkt haben, den Sohn des Nabbon Gamliel III. erblicken. Dann beziehen sich die Worte deS Sohnes direkt auf den Ausspruch seines Vaters. Nabbon Gamliel hat auf die großen Unannehmlichkeiten und Gefahren aufmerksam gemacht, die sich an die Verwaltung eines öffentlichen Amtes knüpfen; er hat darauf hingewiesen, daß die Vertretung der Interessen der Gemeinde bei den Gewalthabern unter Umständen gefährlich werden kann, und daß nur die schrankenlose Hingebung an den Dienst des allmächtigen Gottes über diese Gefahren hiuwegzuhelfen vermag. Anlehnend hieran mahnt Hillel: Halte dich unter keinen Umständen von der Sorge für die Gemeinde fern! — Vier Gründe sind es, die den Menschen veranlasse» können, die Beschäftigung mit den allgemeinen Angelegenheiten zu meiden. Der erste Grund ist der, daß Jemand es vorzieht, nur sich selber zu leben, sich im Wissen zu vervollkommnen, lediglich ein beschauliches Leben zu führen und für sich allein sich dem Dienste seines Gottes zu widmen. Es hat ja etwas für sich, daß man z. B. in tiefer Einsamkeit andächtiger zu beten vermag, als inmitten einer größeren Versammlung. Man kann, wenn man allein ist, ungestört seinen Gefühlen Ausdruck verleihen; man wird nicht gestört durch das vielleicht unangemessene Benehmen Anderer. Trotzdem ist das nicht der Weg, den unsere heilige Religion vorschreibt, die das gemeinsame Gebet und die öffentliche Heiligung des göttlichen Namens verlangt; daher mahnt Hillel: Sondere dich nicht ab von der Gemeinde! — Auch bei der Forschung in der heiligen Lehre verhält es sich ähnlich. Bevorzugte Geister vermeinen, tiefer in die Geheimnisse des Wissens eindringen, die Wahrheit besser eruiren zu können, wenn sie allein sind und nicht durch Genossen oder Schüler im Nachdenken beirrt werden. Auch dies ist nicht der richtige Weg. Stur durch das gemeinsame Studium, durch das Vergleichen verschiedenartiger Auffassungen, durch das Abwägen entgegengesetzter Anschauungen wird die Wahrheit klar zu Tage befördert. Daher mahnt Hillel: Sondere dich nicht ab von der Gemeinsamkeit! — Auch in sittlicher und religiöser Beziehung kann das Sichvereinsamen gefährlich werden. Wer nur für sich allein denkt, forscht und strebt, kann nur zu leicht in Jrrthümer verfallen, zu deren Vermeidung ein gemeinsames Forschen und Denken mit Andern das beste Mittel ist. Deßhalb ruft Hillel mahnend aus: Vertraue dir nicht selbst bis zu deinem Todestage! Ein anderer Grund, der den Menschen geneigt macht, sich zu isoliren, ist der, daß innerhalb der Gemeinde Dinge Vorgehen, welche die Mißbilligung guter und edler Menschen erfahren müssen, daß innerhalb der Gemeinde sich Elemente vorfinden, mit denen mau nicht in Gemeinschaft leben möchte. Trotzdem, lehrt Hillel, sage dich nicht los von der Gemeinde; sei nicht zu streng in deinem Urtheil, und vernrtheile deinen Nächsten nicht, bis du dich in feine Lage versetzt und alle Umstände erwogen hast, die