Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1885)
- Date
- 1885-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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812 in eine Mischna gefaßt worden ist. Vielleicht sollte damit angedentet werden, daß Hillel, der Jüngere, der doch kein Tanai (Mischnalehrer) war, nur im Anschlüsse an die Worte seines Vaters und seines Großvaters hier eine Stelle gefunden. Mag nun der in Rede stehende Ausspruch von Hillel, dem Aelteren, oder von dessen Nachkommen, der etwa 300 Jahre später lebte, herrühren — wir besitzen in demselben eine kostbare Perle der Sittenlehre, der wir jetzt eine nähere Betrachtung widmen wollen. ix *]D!»jo vtr- ,->12871 ]D tsfl-isn bbn ncNn bw ,ioipob yuntcr ix -pan nx pn Vni ,“]mo er vrb ididp (yv>v/b n"d) jnctP "wsh »nip ~m :n:s’n ncp ,ruiw ruBNra^ “iD^n „Hillel sagte: Sondere dich nicht ab von der Gemeinde und vertraue dir nicht selbst bis zu deinem Todestage, und beurtheile deinen Nebenmenschen nicht, bis du selbst an seiner Stelle gewesen, und sage nicht, daß eine Sache unverständlich sei, die (nach richtig angewandter Mühe) am Ende doch verständlich wird (nach einer andern Lesart: Sage nicht auf eine Sache, die du jetzt hören kannst, sie könne später noch gehört werden) und sage nicht: wenn ich Muße haben werde, will ich lernen; vielleicht wirst du keine Muße haben." Auch für diese Mischna gibt es der Erklärungen gar viele, die wir nacheinander unfern geehrten Lesern vorlegen wollen. Zunächst wollen wir jedoch versuchen, für die verschiedenen Sentenzen, die hier aneinander gereiht werden, einen einheitlichen Sinn herauszufinden. Unsrer Ansicht nach wendet sich hier Hillel au den großen, hervorragenden, bedeutenden Mann und warnt ihn vor Stolz, Uebermuth und Selbstvertrauen. Es gibt der Gefahren gar viele, die den Charakter, die Sittlichkeit, die Frömmigkeit selbst der edelsten und besten Menschen bedrohen. Der schlimmste Feind gerade der Edelsten und Besten ist der Stolz, ist die Ueberhebung. Jemand, der Schätze der Weisheit gesammelt und sie im Leben durch Tugend und Frömmigkeit bethätigt, fühlt sich hocherhaben, hoch über seiner Umgebung. Was kann ein Solcher von andern Menschen noch lernen, das er nicht schon wüßte, wie könnte er sich Andere zum Beispiel nehmen, die er an Tugend und Frömmigkeit überragt? Man sollte meinen, ein solcher Mann dürfe sich von der menschlichen Gesellschaft abschließeu, um einsam auf seiner Höhe zu beharren. Ihm ruft Hillel warnend zu: Sondere dich nicht ab von der Gemeinde! Wenn du auch jeden Einzelnen überragst, so gibt es doch unter der großen Menge Manche, die in einzelnen Dingen mehr wissen und können als du. Auch das Selbstvertrauen ist gefährlich. Die Geschichte erzählt uns Beispiele, daß große Männer bis ins hohe Alter die Pfade der Tugend und Gottesfurcht gewandelt und noch in den letzten Jahren ihres Lebens den immer wiederkehrenden Versuchungen unterlegen sind; deßhalb läßt Hillel die Warnung ergehen: Und vertraue dir nicht selbst bis zum Tage deines Todes! Sehr oft finden wir im Leben, daß die Tugendhaften streng und lieblos sind in der Beurtheilung ihrer irrenden und sündigen Mitmenschen. O, du Tugendhafter, der du den Sünder verurtheilst, hast du auch bedacht, wie groß die Versuchungen waren, die ihn zum Falle gebracht? Du Reicher, der du mit Verachtung auf den armen Sünder blickst, welcher sich an dem Eigenthum seines Nebcnmenschen vergangen, hast du jemals erfahren, wie wehe der Hunger thut? Der du in geordneten Verhältnissen ausgewachsen, von liebevollen Eltern sorgfältig erzogen, von weisen Lehrern bist unterrichtet worden, willst du den Unglücklichen verurtheilen, der, in seiner Erziehung verwahrlost, einen lasterhaften Lebenswandel führt? Vielleicht wärest du in gleichen Verhältnissen auch nicht besser geworden! Deßhalb vernrtheile Niemanden bis du an seiner Stelle gewesen! Wenn Jemand noch so große Schätze deS Wissens aufgehäuft, so soll er doch keinen wissenswerthen Gegenstand vernachlässigen, denkend: ich kann das auch noch später lernen. Je früher man das Wiffenswerthe erfährt, desto besser ist es, und du kannst nicht wissen, wie es dir schon bald zu Statten kommt.*) Vertraue auch nicht zu sehr auf die voraussichtlich noch lange Dauer deines Lebens. Für den Juden ist die wichtigste Beschäftigung die mit der heiligen Gotteslehre. Sage daher nicht: Ich will mir erst ein Vermögen erwerben, um dann in ungestörter Muße dieser heiligen Beschäftigung obzuliegen. Vielleicht tritt dieser ersehnte Zeitpunkt niemals ein, und dein Lebenspfad wird abgeschnitten, ehe du den höchsten Beruf des Juden zu dem deinigen machen konntest; daher erzwinge dir, trotz entgegenstehender Verhältnisse, die nothwendige Muße, um in der Lehre unseres Gottes zu forschen. (Fortsetzung folgt.) *1 Wir haben hier die von uns oben in Parenthese angegebene Lesart unsrer Erklärung zu Grunde gelegt