Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1885)
- Date
- 1885-06-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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regeln und seine Geschäfte abznwickeln. Dies mißsiel jedoch dem Herrn Primär, und er ordnete daher an, daß man dem Inden eine Tracht Prügel verabreiche, was in der That auch geschah, doch war die Züchtigung eine so unmenschliche, daß der Mißhandelte ohnmächtig liegen blieb. Die Henker meinten nun, daß sich der Jude wahrscheinlich nur verstelle, und daß man die Prozedur solange fortsctzen müsse, bis er wieder auf die Beine komme. Und abermals begannen die Mißhandlungen, diesmal aber in so entsetzlicher Weise, daß das Opfer wirklich den Geist aufgab. Nun wurde es dem Primär und seinen Helfershelfern doch etwas übel zu Muthe, und um die Spur des Verbrechens zu verwischen, warfen sie den Leichnam in einen Brunnen, holten ihn aber am darauffolgenden Tage wieder heraus und sprengten das Gerücht aus, der Jude habe sich aus Verzweiflung über die Ausweisung ertränkt. Der wahre Sachverhalt wurde jedoch durch Augenzeugen festgestellt, und gleichzeitig liegt noch ein ärztliches Parere vor, ans welchem die Ermordung zu entnehmen ist. Ob eine Bestrafung des Primars erfolgen wird, ist sehr fraglich, handelt cs sich ja im vorliegenden' Falle blos um einen Juden!! Jassy, 12. Juni. Die Bacauer Papierfabrik, die in ausgiebigster Weise von der Negierung unterstützt wird, hat die Verpflichtung, dem rumänischen Staate monatlich ein gewisses Quantum sclbsterzeugtes Papier zu liefern. Dieser Verpflichtung ist der Direktor, der famose Herr Pornmbarn, stets gewissenhaft nachgckommen, und das will viel heißen, denn, wie männiglich bekannt sein dürfte, hat es Herr Pornmbarn sich zur Lebensaufgabe gestellt, antisemitische Propaganda zu machen, und deßhalb mußte cs Staunen erregen, daß er auch der Leitung der Fabrik so viel Sorgfalt widmete, denn das Papier, das er lieferte, zeichnete sich durch besonders gute Qualität aus, was die Förderer der rumänischen Industrie mit nicht geringem Stolze erfüllte. Diesem Wonnegefühle wurde nun ein gewaltiger Dämpfer aufgesetzt, denn in Folge einer Denunziation trat zu Tage, daß Herr Pornmbarn seit dem Bestehen der Fabrik von einer Wiener Firma große Mengen feines Papier bezieht, und die Ballen, nachdem er sie mit seiner Marke versehen, als rumänische Judnstrieprodukte ans seiner Fabrik hervorgchcn läßt. — Man kann sich leicht vorstellen, welchen Eindruck diese Entdeckung höheren Orts gemacht hat. England. London. Vor einiger Zeit wurden an einem Samstag die Andächtigen in der Synagoge New \/est-Eiiil durch ein rührendes und zugleich trostreiches Ercigniß tief bewegt. Ein Zögling des israelitischen Taubstummeninstituts wurde zur Thora gerufen, wo derselbe ganz laut und deutlich die vorgeschriebenen Segenssprüche aussprach. London. Der Rath der „Anglo Jew. Assoc." hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, eine von Herrn D. F. Schloß geschriebene Broschüre über die „Lage der Juden in Rumänien" zu veröffentlichen und durch eine vereinigte Deputation der Anglo Jew. Assoc. und des Board of Dcputies dem Minister des Aeußern überreichen zu lassen, auf daß dieser auf Grund der in dieser Broschüre constatirten Thatsachen auf eine Aenderung der bedrängten Situation der rum. Inden bei der rum. Regierung vorstellig werde. Nach den bisher gemachten Erfahrungen versprechen wir uns von diesem Schritte wenig oder gar nichts. Feuilleton. Uerirrl. Erzählung von S. Behrend.*) I. Es war ein trüber und naßkalter Octobertag, ein Tag so recht dazu angethan, daS Gemüth zu verstimmen, und verstimmten Gemüthes waren auch die alten Leute, in deren Zimmer ich den Leser jetzt führe. Es waren ein Mann und eine Frau, die beide die 70er Jahre schon überschritten hatten. „Der Briefträger geht vorbei, er hat also keinen Brief für uns," seufzte die Alte und lehnte sich zurück in ihren Stuhl. „Was heute nicht ist, ist morgen," sagte der Mann tröstend. „Ich bilde mir ein, er kommt zu unserer diamantenen Hochzeit, und er schreibt nicht, weil er uns überraschen will." „Gott gebe es," sagte die Alte und faltete die Hände. Der Alte sagte nichts, er schlug das vor ihm liegende Menauros hamoaur auf und blickte hinein, weniger um zu lesen als um seiner Frau seine trostlosen Gedanken zu verbergen. Es war still im Zimmer. Plötzlich ging die Thürglockc und an der Stubenthür klopfte es — „Herein!" riefen die Beiden, wie aus einem Munde. Die alte Treindel, die Nachbarin, trat ins Zimmer. „Guten Morgen" sagte Treindel. „Guten Morgen" sagten die alten Leute und sahen Treindel mit zurückgehaltener Verwunderung *) Aus dem Nachlasse unsres verewigten Mitarbeiters Dr. med. S. Lehrend.