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Der Israelit · 1885-06-18 · Heft 48 (18.6.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 48 (18.6.1885)
Date
1885-06-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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-97 an, denn diese pflegte um diese Tageszeit keine Besuche zu machen. Treindel setzte sich, und der Großvater fragte mit scheinbar gleichgiltiger Miene „Nun was gibt es Neues. Treindel?" „Na, so allerlei. Gutes und Schlechtes. V§ie es nun einmal ist auf der Welt, und wie es Gott schickt." Sie ließ dabei einen Brief aus ihrem Umschlagetuch hervorsehen. „Warum, was ist passirt?" fragte die Alte aufmerksam. „Nichts, gar nichts ist passirt", sagte Treindel; aber mau merkte es ihr an, daß doch etwas vorgefallen. „Ihr müßt mir es sagen, tvas passirt ist, Treindel!" „Ich habe heute Morgen Brief von meinem Sohne erhalten," sagte Treindel. „Er schreibt mir, daß er Euren Enkel, den Moritz, gesprochen hat. „Er hat ihn gesprochen?" riesen die beiden Alten. „Nun, was macht er, wie geht es ihm?" „Es geht ihm gut" sagte Treindel zögernd, „aber." „Aber!" drängten die Alten. „Er ist ein Goy geworden, ein Posche Jisroel". Die alte Großmutter wurde bleich und sah ihren Mann an, der ebenfalls die Farbe gewechselt hatte. „Was weiter?" sagte der Großvater mit leisem Zittern. „Ich sehe es Euch an, Ihr seid noch nicht zu Ende. Er ist am Ende gar getauft?" „Schemah Bni, — Naftolk, rede so etwas nicht, es geht mir durch Seele und Leib," rief die Großmutter. „Mir auch", sagte der Alte. „Aber ich muß wissen, wie es um ihn steht, ob ich ihn noch meinen Enkel nennen darf. Denn ist er getauft, so sei er herausgerisscn aus meinem Herzen, jedes Band, das mich an ihn knüpft, sei alsdann zerschnitten und jedes Andenken" — „Nun, nun, nun," unterbrach ihn Treindel. „Er ist ja nicht getauft, seid nur nicht gleich so hitzig, Naftoli." „Er ist nicht getauft?" sagte der Alte und sah Treindel scharf an. „Was ist er denn?" „Ein Goy ist er geworden, neumodisch, wie leider der größte Thcil unserer Jugend, und dann hat er Umgang mit einer Christin!" „Mit einer Christin," schrie die Großmutter und sank fast ohnmächtig zusammen. Sie erholte sich jedoch gleich wieder und, gegen die lleberbringerin der schlechten Botschaft gewendet, rief sie: „Das ist nicht wahr, Treindel, das ist erlogen! Glaubs nicht Naftoli, glaubs nicht! Das thut Moritz nicht, glaubs nicht, Naftoli. Und wenn es wahr wäre, wie habt Ihr es übers Herz bringen können, es uns zu sagen, Ihr wißt, daß er der Sohn meines einzigen Kindes ist, das ich hatte, wißt, was es heißt Großmutter sein, Großmutter des einzigen Enkels! Geht, Treindel, geht, Ihr habt eine böse Zunge." „Nun ja, ich gehe ja schon, aber das kann ich Euch sagen, Segen wird es Euch nicht bringe», daß Ihr mich beleidigt habt. Eine Beleidigung ist die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann." „Ihr müßt das nicht so genau nehmen, meine Frau ist aufgeregt, Treindel," sagte Naftoli, „und in der Erregung sagt man manchmal etwas, was man sonst nicht gern sagt." Treindel fing an zu weinen,’ „Gott weiß es, daß ich cs nicht böse gemeint habe," sagte sie, „ich glaubte Euch das sagen zu müssen, ich hätte Euch lieber eine bessere Nachricht gebracht als diese." „Laßt gut sein, Treindel, laßt gut sein," tröstete Naftoli. — „Ich habe mein Lebtag nicht gelogen," klagte Treindel, „hier steht es groß und breit in meines Aschers Brief, und der lügt auch nicht, und hat nie gelogen. Wenn Ihr mich hättet ausreden lassen, hättet Ihr erfahren, warum ich Euch das Unglück nicht verheimlicht habe." „Nun, nun?" drängte Naftoli. „Mein Sohn schreibt mir, daß noch alles gut werden kann, wenn man sich inehr um Moritz bekümmerte." „Siehst Du, Naftoli, siehst Du?" unterbrach die Großmutter die alte Treindel, „ich habe ja immer gesagt, man muß sich mehr um ihn kümmern." „Konnte ich mich um ihn kümmern, wußte ich, wo er war, weiß ich jetzt, wo er ist? Er hat Umgang mit einer Christin, deshalb hat er nicht an uns geschrieben, deßhalb wußten wir nicht, ob er lebt oder gestorben sei — doch weiter Treindel, weiter!" „Erst gebt mir die Hand, Treindel, und sagt mir, daß Ihr mir meine Heftigkeit verziehen" sagte die Großmutter und hielt Treindel die Hand hin. Treindel zögerte einen Augenblick, dann ergriff sie die ihr dargebotene Rechte. „Na, meinetwegen" sagte sie. „Wir haben unser Lebtag nichts mit einander vorgehabt und wollen uns auf unsere alten Tage nicht erzürnen. Aber nun hört zu. Euer Moritz, schreibt mir mein Ascher, hat eine Liebschaft mit einer vom Theater." „Unser Herrgott hüte," unterbrach sie Naftoli, und seine Frau schlug die Hände vors Gesicht... . „Sie soll eine schöne Person sein," fuhr Treindel fort, „aber den Moritz nur seines Geldes wegen, das er verdient, lieben. Ascher hat es ihm

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