Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-06-18 · Heft 48 (18.6.1885) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 48 (18.6.1885)
Date
1885-06-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449548--22357-2511975
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bafe sie stets und immer bethätigt werden, so haben sie Alles gethau, was zu einer guten Erziehung erforderlich ist. Es kömmt Alles daraus au, das; wir unsren Willen mit dem unsres Vaters im Himmel in llebereinstimmung bringen, nicht aber, daß wir Gott nur in solchen Dingen dienen nnd folgen, die unseren Vorstellungen oder unsren Steigungen entsprechen. Daher lehren auch unsre Weisen: Du sollst nicht sagen, ich will deswegen kein Schweinefleisch essen, weil ich einen Ekel davor habe; sondern du sollst denken: Mag das Fleisch von einem Schweine auch noch so gut schmecken, ich werde cs beschälb nicht essen, weil mein Vater im Himmel es zu essen verboten hat. — Auch König David hat im l 19. Psalm (V. 101 nnd 102) diesem Gedanken nach zwei Seiten hin Ausdruck verliehen. “pm -ioim* ’tn vwto jn ms bso nmin nnx o ’mo „Von federn bösen Pfade habe ich zurückgehalten meine Füße, damit ich beobachte deirre Worte. Von deinen Rechten bin ich nicht abgewichen, weil du mich so belehrt hast." König David nennt einen jeden Pfad böse, der nicht durch Gottes Wort vorgeschriebcu ist, und er nennt dasjenige „Recht," was Gott in Seiner heiligen Lehre als solches bezeichnet hat. Es ist dasselbe, was Rabbo» Gamliel hier uns lehrt: Mache Scilien Willen zu deinem Willen; nicht deßhalb wolle irgend ein Gottesgebot aussnhren, rveil dir cs gefällt, ein arideres aber nntcrlassen, weil es deinen Beifall nicht findet; nicht also; sondern jedes Gottesgcbot, jede Vorschrift unsrer heiligen Religion muß von dir mit der größten Liebe erfaßt werden, weil unser liebevoller Vater im Himmel, weil der allgütige Gott es so gewollt hat. — „Laß schwinden deinen Willen vor Seinem Willen! —" Wenn deines Herzens Neigung sich nach etwas sehnt; du nieinst, die Befriedigung dieses Wunsches mache das Glück deines Lebens aus; sie steht aber im Widerspruche mit den Gesetzen unsres Gottes, so lasse schwinden deinen Willen vor Seinem Willen! Namentlich in Bezug auf die Wahl der Lebensgefährtin oder des Lebensgefährten kann diese große, wichtige und erhabene Lehre nicht eindringlich genug gelehrt werden. Gar Viele straucheln in dieser Beziehung und verscherzen dadurch ihr Glück auf Erden und ihr ewiges Heil. Wenn man aber die Kinder schon frühe gewöhnt, ihren Eigenwillen aufzugebeu, wenn derselbe im Widerspruche steht zu dem göttlichen Willen, ihre Neigungen und Wünsche.zu unterdrücken, sobald dieselben sich nicht in Uebereinstimmung befinden mit den Vorschriften unsrer heiligen Religion, so werden dieselben gestärkt und gekrästigt sein, so daß sic allen Versuchungen, auch den größten und schwersten, siegreich entgegen treten. : jnn tsp nt icj? virix cu vn mna „Wenn Gottes Wohlgefallen ruht auf dem Wege eines Mannes, so wird Er ihm Frieden gewähren, vor seinen Feinden. — Das ist der Trieb zum Bösen." Tie schlimmsten Feinde des Menschen sind die eigenen Leidenschaften, die dem Triebe zum Bösen entstammen. Machst du Gottes Willen zu deinem Willen, so wird Er Sein Wohlgefallen walten lassen auf deinen Wegen und wird dir helfen, die Feinde in der eigenen Brust, die bösen Triebe und Leidenschaften zu überwinden; lassest du schwinden deinen Willen vor Seinem Willen, so wird Er dir Seinen allmächtigen Beistand verleihen , auf daß Anderer böser Wille dir nicht wird schaden können. (Fortsetzung folgt.) Prozeß Stöcker gegen die „Freie Zeitung". (Urtheil.) Berlin, 16. Juni. Der Sensatkousprozeß ist heut zu Ende gegangen. Wiederum war der Andrang des Publikums ein außerordentlicher. Die Hauptperson aber, der Zeuge Stöcker, fehlt. Die Verhandlungen boten kein Interesse mehr. Präsident Lnety hielt es nur für nöthig, einen ihm zugegangenen albernen Drohbrief vorzulcsen; dann zog sich oer Gerichtshof zur Berathnng zurück nnd nach 3 Stunden wurde das Urtheil pnblicirt. Es lautete, wie nicht anders zu erwarten war, auf Bestrafung des angeklagten Redakteurs, aber nur wegen Beleidigung und nur zu 3 Wochen Gefangniß. Der Staatsanwalt hatte k> Monate beantragt, nnd in der Motivirung wird ausdrücklich gesagt, daß nur deshalb auf Gefänguißstrafe erkannt worden ist, weil der Angeklagte schon wegen Beleidigung, auch wegen Majestätsbeleidigung, vorbestraft ist. Die Motivirung des Urtheils, die Präsident Luety in anderthalbftündiger Rede vortrug, erregte Sensation. Es ist nur eine Stimme, dies ist die moralische Vernichtung Sröckcr's; denn der Gerichtshof erklärt in den schwerwiegendsten Fällen die Unwahrheit Stöcker'schcr Aussagen für erwiesen. Es ist ein moralisches Todesunheil. Der Eindruck der Rede des Präsidenten war ein außerordentlicher. Wir heben aus der Motivirung Folgendes hervor.: „Der Schutz des 8 l9:r ist dem Angeklagten zu versagen. Auch die persönlichen Gründe, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.