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Der Israelit · 1885-06-18 · Heft 48 (18.6.1885) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 48 (18.6.1885)
Date
1885-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. j\o ^8. Hentrak - Hrgan für das orisiodore IudenLhurn. HeranSgegeben von k-r. Lehman» in Mai».;. Donnerstag, den 18. Juni 3645 (1885). M 48. $citcnbc Artikel. Die Sprüche der Jäter. XIX. Mainz, 15. Juni. In dem in Rede stehenden Ausspruche Rabbon Gamliels sind zugleich die wichtigsten Grundsätze der Erziehung enthalten: die Kräftigung des Willens zu allem Gute» und die Brechung des auf das Böse gerichteten Eigenwillens. Schon in der frühesten Kindheit muß der junge Weltbürger darauf hingewiesen werden, daß es einen einzigen, allmächtigen Gott gibt, der alle hohen, edlen, erhabenen Eigenschaften in sich vereint, der uns befohlen hat, in Seinen Wegen zu wandeln, Wahrheit, Tugend und Gerechtigkeit zu lieben, der da ist ein liebevoller Vater allen Seinen Geschöpfen, dem wir Alles verdanken, was wir sind und besitzen. Es muß die Liebe, die unendliche, hingebungsvollste Liebe zum Vater im Himmel in die Herzen der Kinder gepflanzt werden. „Mache Seinen Willen zu deinem Willen!" muß die Devise sein jedweder Erziehung. Nicht oft genug kann dem Kinde erzählt werden von der unendlichen Liebe des allmächtigen Gottes zu uns, wie er den Menschen cmporgehoben über alle Geschöpfe, wie Er unsere Voreltern erwählt aus allen Geschlechtern der Menschheit, wie Er sie geschützt und gehütet und emporgetragen, wie Er uns in wunderbarer Weise gerettet ans allen Gefahren und uns täglich und stündlich mit den Beweisen Seiner Liebe überhäuft, daß Er uns Gesetze gegeben zu unsrem Heile und daß es nichts Besseres für uns gibt als Seinen Willen zu dem Unsrigen zu machen, indem wir Seine heiligen Gesetze befolgen. Und wie cs wichtig ist, den Willen zu allem Guten zu kräftigen, so ist cs fast noch wichtiger, den auf das Böse und Schlechte gerichteten Eigenwillen zu brechen. „Laß schwinden deinen Willen dem Seinigcn gegenüber." In unserer an mannigfachen Versuchungen so reichen Zeit muß es die Aufgabe der Erziehung sein, die Kinder, die Jünglinge, die Jungfrauen mit den Waffen zu versehen, die zur Bekämpfung und Ueberwindung der Versuchungen die geeignetsten sind. Der schlimmste Feind des Menschen ist der in der eigenen Brust, der Trieb zum Bösen. Ihn zu demüthigen, ihn zu überwinden, ihn zu brechen ist die Hauptaufgabe der Erziehung, nicht etwa durch übermäßige Strenge, sondern durch vernünftige Belehrung und Behandlung des Kindes, llcbcrmäßige Strenge führt nur zu häufig zur Lüge, zur Heuchelei. Da der Trieb des menschlichen Herzens böse ist von Jugend ans, so ist es natürlich, daß das Kind Verbotenes thut, Gebotenes zu'thuri verabsäumt; aus Furcht wird dann das Kind durch Lüge und Heuchelei sich den schlimmen Folgen seinen Uebertretuugen und Unarten zu entziehen suchen. Ebenso gefährlich, ja noch gefährlicher als die allzngroße Strenge ist die über das Maß hiuausgehende Milde, die allzngroße Nachsicht. Sie zieht den Eigenwillen des Kindes groß und verdirbt den Eharakter. In den meisten Fälle» werden die in den Herzen der Kinder schlummernden, schlimmen Eigenschaften von den Eltern, noch genährt. Sehr gern möchten die Eltern ihre Kinder gut erziehen; aber sie verstehen es nicht. Und doch ist eS so leicht! Die zwei großen Lehren, die Nabbon Gamliel uns hier gibt, umfassen die ganze Pädagogik. „Mache Seinen Willen zu deinem Willen, laß schwinden deinen Willen vor Seinem Willen!" — Wenn die Eltern ihre» Kindern diese zwei großue Lehren einprägen und darauf dringen,

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