Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1885)
- Date
- 1885-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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775 Wir könnten eine ganz stattliche Reihe von sehr tüchtigen, zuverlässigen, talmudisch und wissenschafttich gebildeten deutschen Cultusbcamtcn nennen, welche in letzter« 20 Jahren hier in Ost- und Westprenßcn zur Ehre des Judenthums fungirten, deren Stellen heute mit polnischen Nachfolgern besetzt sind. — Was will denn der St—r. Eorrcspmident mit seiner geplanten Statistik beweisen? — Etwa, daß cs nicht genug „zuverlässige" deutsche Beamte gibt, um den Bedarf zu decken? Ich fürchte, er wird damit vielmehr nur das beweisen können, daß die deutschen Beamten in der That durch die ausländischen bereits fast gänzlich verdrängt worden sind. Wir besitzen in Deutschland jetzt schon vielleicht ein Dutzend jüd. Seminare und Lehrerbildungsanstalten, außer den staatlichen Seminaricn, wo jüd. Hospitanten auch ohne Hindcrniß zum Eursus und zur Prüfung zugelassen werden, und man gründet noch immer neue, wie z. B. in Schwerin, Kaiserslautern und neuestens in Posen. Aus allen diesen Anstalten gehen jährlich mindestens 100 junge Leute als jüd. Lehrer und Gemeindebeamte hervor, und wo sollen diese alle bleiben? Ist cs wohl ein Zeichen von herrschendem Lehrermangel, wenn auf jede Vakanz von 12—1500 M. Jahreseinkommen in der Regel ein halbes Hundert Meldungen eingehcn?! — Freilich, bei der hier beliebten und belobten Art, wie man die jüd. Beamten anstcllt und behandelt, hat dieser Beruf gerade uichtviel Verlockendes. Man stellt dieselben nie fest an, sondern stets kündbar, und da sie dcßhalb der bloßen Willkür, Gunst oder Ungunst der Stimmung überlassen sind, macht man sich keine große Gewisscnsskrnpel daraus, die älteren Beamten, wenn man sie etwas abgenützt hat, aus den nichtssagendsten Gründen, ohne alle und jede gesetzliche Form abzuschaffen, um jüngere, frischere imd vor allem — „billigere" aufnehmcn! Wenn man die ausl. Cantorcn durchweg für befähigter und namentlich für bessere Sänger hält, so muß man sich fragen: Was wird nicht alles vom deutschen Gemeindebcamten verlangt? Er soll Elementar-, Religions- und vielleicht noch Sprachrc. Lehrer, dann Prediger, Eantor, Schächter und neuerdings auch rmT,n miD sein; — was wird dagegen vom polnischen verlangt? — nichts weiter, als daß er „singen" — und nach nnserm landläufigen Ausdruck heißt dies: drehen, trillern, variieren rc. und dazu noch Schächten könne. Wenn derselbe noch „bedeutende talmudische Kenntnisse" — auf die ihn zu prüfen niemand berufen oder befähigt ist — besitzt, so ist er erst recht allen Deutschen vorzuzieheu. In der That würden wir recht gern mit dem Correspondcnten darin übereinstimmen, lauter solche polnische Beamte anzuftellen, unter der Voraussetzung, daß die Existenz aller Deutschen, welche in oder außer Stellung sind, zuvor anderweit gesichert würde und alle deutschen, jüd. Eltern sich verpflichteten, ihre Söhne in Zukunft lieber einem praktischen Handwerk oder Gewerbe zu widmen, damit cs diesen nicht ergeht, — was oft genug geschah und geschieht — wie es jetzt, durch Schuld der deutschen Gemeinden und gewiß zu nnserm schmerzlichen Bedauern, den polnischen Glaubensgenossen ergeht. Der Eorrespondent spricht von „traurigen" Schechita-Verhältnissen, sagt aber nicht, wo solche existiren, ob da, wo er zu Hause und meines Wissens kein Deutscher fungirt oder sonstwo und gerade in Orten, wo nur Deutsche fungiren, die aber in seiner Gegend nur selten zu finden sind. Sollte aber, wann und wo sic wirklich stattfänden, diesem Uebelstande nicht besser durch geregelte rabbinische Aufsicht, als durch Beseitigung der deutschen Schäch-. ter abzuhelfen sein? Wir aber sehen einen weit größer» und tiefer in das Leben des Judenthnms einschneidenden Uebclstand — ja eine große Gefahr für dessen Zukunft — darin, daß durch Verdrängung des deutschen Elements der jüdische Religionsunterricht lahm gelegt wird. Ein nicht geringer Theil der jüd. Jugend wächst in Folge dessen ganz ohne Religionsunterricht und jüd. Erziehung auf, indem die „gebildet" sich nennenden Eltern ihre KindcrM polnischen Lehrern, nicht in die Schule schicken wollen, der andere und größere Theil aber auch nichtsrweiter bei denselben lernt und lernen kann, als cm bischen Hebräisch radebrechen und wenn's hoch kommt, noch ein bischen Uebersetzen, von bcidem gerade genyg, um es sehr schnell wieder vergessen zu können. Dadurch stirbt aber jedes wahre religiöse Gefühl, zumal bei dem gleichzeitigen Mangel an häuslicher Religiösität, in der JugendLab und sie empfängt durch die formlose, sprachwidrige, unmcthodische Art, wie der hebräische Unterricht vonZdenselben erthcilt wird, und welche im grellsten Gegensatz zu dem gut disciplinirten, in Geist und Herz des Schülers eindringenden übrigen Schulunterricht steht, — einen unbesiegbare» Widerwillen gegen alles, was hebräisch, jüdisch oder religiös ist. Das ist natürlich nicht Schuld des polnischen Lehrers, denn dieser würde gewiß seine talmndischen Kenntnisse den Schülern gern beibringen, wenn Zeit und Mittel, Eltern und öffentl. Schulen dies zulicßcn. Da diese es aber nicht zulassen, daß heutzutage die jüdische Jugend mit einem genügenden Maß hcbr. Wissens ausgestattet werden könne,