Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1885)
- Date
- 1885-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Golomdeck empfohlen. Ich nahm deßhalb den Hödel als Mitglied auf, nach dem Attentat fertigte ich eine neue Mitgliederliste an, um einen Menschen wie Hödel nicht in der Mitgliederliste stehen zu haben. Dasselbe that ich bezüglich des N o b i l i n g, der ebenfalls Mitglied der christlich - sozialen Partei war. Wer den Nobiling als Mitglied ausgenommen hat, weiß ich nicht. Möglich, das; ich ihn ausgenommen, es meldeten sich bei mir bisweilen 50 bis 60 Personen auf einmal zur Aufnahme in die Partei. Die Neuanfertigung der Mitgliederliste besorgte ich aus eigenem Antriebe, jedoch mit Zustimmung Stöckers." Herr Stöcker wird darüber vernommen, daß cr sich in Jena in einer Thüringer Kirchcnconsercnz an einer Debatte bcthciligt habe, was cr später im Parlament in Abrede stellte. Herr Stöcker sucht sich dadurch zu vcrtheidigeu, daß cr behauptet, nur mit wenigen Worten in die Debatte cingegriffen zu haben. — Uebcr seinen Verkehr mit Simon Mai befragte^ ihn Rechtsanwalt Sachs: „Kennen Sic Herrn Simon Mai? Ans Grund der Mitthcilungen dieses angeblichen Talmudistcn, der ein ebenfalls schon bestrafter Mensch ist, haben Sic mehrere Vorträge über das Thema gehalten, wie leichtfertig die Juden Gide leisten." — Zeuge Stöcker: „Ich habe nur über das Kolnidre-Gebet als einer religiösen Entartung ans Grund der Mitthcilungen eines kcnntnißrcichcn Talmudiften, des Schriftstellers Dr. Morgenstern, Vorträge gehalten. Den Mai kenne ich wohl, er ist mir als ehrlicher, wahrer Mensch empfohlen worden." Rechtsanwalt Sachs: Ich coustatirc,- daß der Zeuge den Verkehr mit Mai noch immer nicht abgebrochen hat. Ueber Dr. Morgenstern erzählt Stöcker: Dr. Morgenstern wäre zu ihm gekommen und hatte ihm seine Noth geklagt. Aus Mitleid habe er ihin 20 Mark gegeben und ihm versprochen, daß er sich, für ihn, Morgenstern, bei Rcdactenren verwenden werde. Es sei ihm ganz angenehm gewesen, einen Mann zu finden, der ein tüchtiger Talmudkenncr wäre. Nur habe cr Morgenstern ersucht, nicht so bösartig über den Talmud zu schreiben. Einige Zeit später habe ihm derselbe einen impertinenten Brief geschrieben, er habe ihn aber doch nicht nach Gebühr behandelt, weil ihm eine Frau gesagt habe, Morgenstern wolle sich das Leben nehmen. Die 20 Mark habe Morgenstern dem Zeugen vor Kurzem zurückgeschickt. Zeuge Masche sagt aus, ein Herr Jacobson habe ihm für eine Herrn Stöcker ungünstige Aussage 1000 Mark angeboten. Dieser Herr Jacobson ist aber nirgends zu finden. Die Vertheidignug machte sich anheischig, den Beweis der Wahrheit zu erbringen, indem sie constatirt: 0 Herr Stöcker habe im Hause der Abgeordneten geleugnet, die Antisemiten-Petition unterschrieben zu haben, wahrend er nachher zugcstehcn mußte, sie dennochuntcrschrkebenzuhaben; 2) Herr Stöcker habe im Hause der Abgeordneten, einer Reihe von Männern böswillige Gründnngen vorgcworfcn, eine Behauptung, die er nachträglich nicht ausrecht zu erhalten vermochte. 3) Herr Stöcker habe behauptet, der Abgeordnct Horwiz sei Jude und habe sich in Aemter cinzuschleichcn versucht; beides sei unwahr. 4) Herr Stöcker habe den weltberühmten Professor Schleiden als Juden bezeichnet, während derselbe niemals Jude war, noch von Juden abstamme. 5) Herr Stöcker habe behauptet, das; Ersmicux das Verbannungsdecrct gegen die Deutschen unterzeichnet und doch hätten ihm zu Ehren die deutschen Juden bei seinem Tode Trauerfeierlichkeiten in den Synagogen veranstaltet. Es sei aber das Verbannungsdecret gegen die Deutsche am 4. August 1870 erlassen worden, wahrend Eremieux erst am 4. September 1<S70 in die provisorische Negierung von Frankreich eingetrcten. Herr Stöcker sucht sich gegen alle diese Anklagen zu vcrtheidigeu. Er habe die erwähnte Petition allerdings unterzeichnet, habe aber auf Wunsch des Dr. Förster seine Unterschrift zurückgezogen und dieselbe nur auf einige Hundert Exemplare gesetzt, die an die Superintendenten verschickt worden seien. Nachdem cr im Abgeordnetenhausc gesagt, er habe die Petition nicht unterzeichnet, habe der Abgeordnete Löwe ein Exemplar der Petition vorgezeigt, unter welcher sein Name gestanden. „Ich kann nicht leugnen," sagt Herr Stöcker," daß dies den Charakter der Zwcidentigket hat, und das wurde von meinen Gegnern planmäßig ansgebeutet." Aehnlich lauten die übrige Ausreden des Herrn Stöcker. Er meint, er habe in allen diesen Fällen nur geirrt, und die Vertheidignug sei nicht im Stande zwischen Jrrthum und Unwahrheit zu unterscheiden. Dieser Herr Hofprediger scheint ganz cigenthümliche Begriffe von Recht und Sittlichkeit zu haben. Er sucht durch eine falsche Behauptung den Patriotismus der deutschen Inden zn verdächtigen, und entschuldigt sich hinterher: erhübe sich nur geirrt!!! Wäre es nicht Pflicht gewesen, sich vorher besser zu unterrichten, ehe er gegen Hundcrttausende, die bessere Patrioten sind als er, solche Verdächtigungen geschleudert? Auf den Patriotismus