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Der Israelit · 1885-06-15 · Heft 47 (15.6.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 47 (15.6.1885)
Date
1885-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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772 erbitten, da Seine Weisheit mit Krankheit den Erdensohn geschlagen, wie dürfen wir Segen erflehen für die Früchte des Feldes, wenn Er es für gut findet, Mißwachs eintreteu zu lassen? Wie dürfen wir verlangen, daß Er uns von allem Nebel erlöse, da doch Seinen weisen Plänen gemäß Dasjenige sich ereignet, was uns gut oder was uns schlimm erscheint? Und wie das Gebet von diesem Gesichtspunkte aus uns unangemessen erscheint, so wären auch die Thaten der Menschen ohne Gewicht und Bedeutung. Gott ist das allervottkommenste Wesen; was kann Ihm der Mensch nützen, wenn er fromm, was kann er Ihm schaden, wenn er böse ist? Durch den ersten in unsrer Mischna gelehrten Grundsatz sind alle diese Fragen beantwortet. Da Gott dem Menschen die Freiheit verlieh, so hat Er, insoweit der Mensch frei ist, Seiner eigenen Allmacht Schranken gesetzt, wie unsere Weisen es lehren: : D'Dttf riNTQ;>in ü'sip *-ra t>Dn „Alles steht in Gottes Hand, nur nicht die freie That des Menschen;" der Mensch kann Gott fürchten oder auch nicht, er kann Gutes oder Böses thun, nach seiner eigenen freien Wahl. Da dem nun so ist, so gewinnt unsre ganze Anschauung von der Weltlenkung eine ganz andere Gestaltung. Unseren Gebeten liegt der. Gedanke zu Grunde, daß Gott uns helfen und unterstützen möge, auf daß wir unsrer Freiheit uns zu unsrem eigenen Besten bedienen, daß Gott uns helfen möge, auf den rechten Weg znrnckzukehren, wenn wir von demselben abgeirrt sind, daß Gott uns die Wahl des Rechten und Guten erleichtern nnige, indem Er uns von Krankheit befreie und vor allem Uebel schütze. Unsre Thaten erscheinen nun nicht mehr gleichgiltig und unwichtig; sie dienen dazu, die Weltordnnng zu festigen oder zu zerstören. Nunmehr wird es uns klar und einleuchtend sein, daß Nabbon Gamliel mahnt: Mache Seinen Willen wie Deinen Willen, damit Er mache Deinen Willen wie Seinen Willen; hebe auf Deinen Willen vor Seinem Witten, damit Er störe den Willen Anderer vor Deinem Willen. — Wenn der Mensch, die ihm verliehene Freiheit nur dazu anwendet, um zu thun, was recht und was gut ist, so ist er in steter Uebereinstiuimung mit dem Willen Gottes; er will nicht Anderes als das, was dem Willen Gottes entspricht, und daher liebt ihn Gott und beschützt und behütet ihn, auf daß er nicht strauchele, wanke und falle, wie es heißt: :oyw yo\tr onj/w nxi rwjr iw psn „Den Willen Seiner Frommen wird Er thun. und ihr Flehen wird Er hören und ihnen helfen." (Psalm 145. B. 19). Ta allen Menschen die Freiheit des Willens verliehen, so ist das Leben ein steter Kampf. Die Freiheit des Einen beschränkt die des Andern. So sehen wir denn die Menschen ringen und kämpfen, und nur 311 oft sucht der Eine den Andern zu unterdrücken und sich dienstbar zu machen. Derjenige, welcher Gerechtigkeit und Tugend zu den Grundprincipien seines Lebens gemacht hat, ist in Gefahr, in diesem Kampfe zn unterliegen, da der Gegner mit schlechten und unedlen Waffen kämpft, die der Fromme anzuwenden verschmäht. So müßte denn die Tugend unterliegen, und das Laster triumphiren. Aber es lebt ein allmächtiger Gott, der die Frommen stützt und aufrecht erhält. Vereitle Du Deinen Willen von dem Seinen, so wird Er schon den Willen Derer zerstören, die Dir schaden wollen. Er wird Dich aufrecht erhalten und zum Siege führen. (Fortsetzung folgt.) H^rozek Stöcker. Berlin, 12. Juni. Im Oktober vorigen Jahres erschienen in der „F r e i e n Zeit u n g" einige Artikel, die später als Flugblatt zusammengestellt und unter dem Titel: „ H o f p r e d i g e r, R e i ch s t a g s a b g e o r d n e t e r u n d L ü g n e r" herausgegeben wurden. Wegen dieser Artikel ist der Redakteur der Freien Zeitung, Heinrich Bäcker, wegen Beleidigung desHospredigers S t ö cke r angeklagt. Die Verhandlungen begannen am 9. Juni. Ta der Hofprediger Beamter ist, so vertritt Staatsanwalt Weigert die Anklage; dieVertheidignng führen die Rechtsanwälte M u n ck e l und Sachs; als Vorsitzender fungirt Landgerichtsdirektor L üty. Es sind im Ganzen 12 Zeugen geladen, darunter Stöcker, Pastor Witte, Superintendent Braasch nnd Schneidermeister Grüneberg. Zuerst wird Grüneberg, ehemaliger Vicepräsident der von Stöcker gegründeten christlich-socialen Partei, vernommen. Es wird constatirt, daß derselbe außer wegen mehrerer politischen Vergehe» noch wegen Vettelns, wissenschaftlich falscher A li schuld! g ii u g und Unterschlagung bestraft ist. Ans den Aussagen des Zeugen heben wir hervor, daß jene fluchwürdigen Verbrecher, Hödel und No b i li ng, Mitglieder der von Stöcker gestifreten Partei gewesen. Ter Zeuge sagte in Bezug darauf ungefähr Folgendes aus: „Hödel wurde mir kurz vor dem Attentat auf den Kaiser von dem damaligen Redacteur des „Staatssozialist" Herrn

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