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Der Israelit · 1885-06-15 · Heft 47 (15.6.1885) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 47 (15.6.1885)
Date
1885-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. M 4V. KenLrat - Hrgan für das orthodoxe Zudentöum. Hcrauvgcgebclr von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den LS. Juni 5645 (1885). Leitende Artikel. Die Sprüche der Jäter. XVIII. Mainz, 11. Juni. Wir haben im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, daß in dem in Rede stehenden Ausspruche Rabbon Gamliels vier große und wichtige Grundsätze, vielleicht die größten und wichtigsten enthalten sind. Der erste ist der von der Freiheit des menschlischen Willens. Da Rabbon Gamliel uns befiehlt, unsren Willen nach dem Gottes zu gestalten, unseren Willen vor dem Gottes zurücktteten zu lassen, so mutz die Möglichkeit vorhanden sein, daß wir unsren Willen frei gestalten und beherrschen können. Es ist das ein Grundsatz, auf dem unsre ganze heilige Religion beruht. Wenn unser Wille unfrei wäre, wenn wir in all unsrem Thun und Lassen unbewußt einer zwingenden Nothwendigkeit gehorchen müßten, so hätte es durchaus keinen Zweck, uns ettvas zu befehlen oder zu verbieten; es gäbe keine Tugend und kein Laster, kein Verdienst und kein Verbrechen, keine Belohnung und keine Bestrafung und damit auch keine Fortdauer nach dem physischen Tode. Der Mörder, Räuber, Ehebrecher würde ebenso bei allen seinen Schandthaten nur der zwingenden Nothwendigkeit gehorchen wie der edle, fromme, tugendhafte Mann bei allem Guten, was er vollbringt. Auch der Staat dürfte da Gesetze und Verordnungen nicht erlaffen, Verbrechen nicht bestrafen, Verdienste nicht belohnen. Es ist die entsetzliche Philosophie des Pessimismus, es sind die Theorien von Schoppenhauer und Genoffen, welche die Anarchisten großgezogen haben, die Anarchisten, die alle religiöse, gesellschaftliche und staatliche Ordnung zerstören wollen. — Der höchste Vorzug, den Gott dem Menschen verliehen hat, ist die Freiheit des Willens. Durch sie erhalten alle übrigen Vorzüge des Menschen erst ihren Werth; durch sie sind die großen Thaten der Helden, der Weisen, der Wohlthäter der Menschheit erst wahrhaft groß und der Bewunderung werth. Wie die auf Irrwege gerathene Wissenschaft die Freiheit des Menschen in Abrede stellt, so lehrt sie auch einen unfreien Gott; sie nennt, wenn sie überhaupt einen Gott anerkennt, die Gesetzmäßigkeit der Natur mit diesem Namen. Thorheit wäre es dann, zu beten, zu vertrauen, zu hoffen; unbekümmert darum und unbeeinflußt dadurch würde die Welt ihren Gang gehen, nothwendigen und unabänderlichen Naturgesetzen folgend. — Unsre heilige Religion aber lehrt uns, daß der einzige Gott aus freiem Antriebe die Welt erschaffen hat, aus freien» Antriebe sie lenkt und leitet, daß Er Fürsorge trägt für Seine Geschöpfe und als ein liebevoller Vater über das Wohl Seiner Kinder »vacht. Der dritte Grundsatz, den Rabbon Gamliel uns lehrt, ist der, daß unser Thun und Lassen einen Einfluß zu üben vermag auf die Weltlenkung im Allgemeinen »vie auf unser eigenes Geschick. Diesen Grundsatz, der ebenfalls eine »vichtige Grundlage unsrer heiligen Religion ist, bietet dem Verständnisse große Schwierigkeiten. Gott ist das allervollkommenste Wesen; Er ist nicht allein allmächtig. Er ist auch allweise. Was Er thut, das ist »vohlgethan. Wie können »vir Menschen uns verineffe», zu Ihm zu beten und in mifreit Gebeten Ihm Vorschriften über Sein Thun uitb Lassen machen zu »vollen? Wie können »vir uns vermessen, von Ihn» Erkenntniß zu erbitten, »venn es Seiner Weisheit entspricht, uns diese zu versagen? Wie können »vir uns vermessen, von Ihm Heilung für Gebrechen zu

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