Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 46 (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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761 Dieses einfache Erinnerungsgebot, es kann nicht durch die schönste Idee ersetzt werden. Die Erkenntniß einer Wahrheit bedingt ja nicht die Bethätignng derselben; anders aber verhält es sich mit der Erinnerung an alle damit zusammenhängenden Pflichten, an die Ursache dieser Verpflichtung. An die Erinnerung wird sich sehr leicht die Erfüllung der Pflichten anreihen. pmrb n’jtspn by D’bni ynrrb »» bx *on 2"N fpynn^> jnw prn bi not* jmo, mrs nnmn •mrsa „Rede zu den Kindern Israel." Die Erklärer bemerken hierzu, daß diese Worte eine Mahnung für die Großen seien, die Kinder zum Zizith- Gebote anzulekten. Deshalb sagen sie, jedes Kind, das versteht, sich mit dem Zizith-Gewande zu umhüllen, ist verpflichtet, das Zizithgebot zu beobachten. Während der Hauptpflichteukreis sich auf die Erwachsenen erstreckt, nur von ihnen beobachtet werden kann, werden zum Zizith-Gebot auch schon die kleinen Kinder herangezogen. Es soll ihnen zur zweiten Natur werden, jeden Morgen ihre Zizith zu erfaffen, sie an die Augen zu führen, um sie als Schaufaden betrachten zu lernen, und an den Mund, um die Liebe zur Mizwoh dadurch an den Tag zu legen. So von Kindheit an gewöhnt, werden sie später nicht vergessen, die Schaufäden zu beachten, werden sie nicht unterlassen, das yzny ras» anzuziehen, werden sie, wenn sie vernünftig geworden, nach dem Grunde und der Bedeutung der Schaufäden fragen und erfahren, daß dieselben ein Erinnerungszeichen sind, um die Gebote unseres himmlichen Vaters zu erfüllen. Dann werden die Zizith, aber nicht in abergläubigem Sinne, sondern in Wirklichkeit ein Talisman sein, für die Kinder, indem das Anschauen derselben in ihnen, besonders wenn sie das Elterhaus verlassen, dem Elternschutze entrückt sind, mit dem Gedanken an die lieben, theuren Eltern zu Hause, auch den Gedanken an den Vater im Himmel lebendig erhält. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. 4. Zuni. Die Brandrede des Fellhändlers und Hutmachers Simon May gegen Juden und Judenthum, aus welcher wir unseren Lesern eine kleine Stilprobe an anderer Stelle gegeben, hat hier in den weitesten, auch unbetheiligten Kreisen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen und zu Erörterungen darüber veranlaßt, wie weit denn eigentlich die Jndulgenz der Behörden diesen Auswüchsen der fluchwürdigen Hetzbewcgung gegenüber gehen sollen. Die maßgebendsten Persönlichkeiten sind auf jenes verlorene Individuum aufmerksam gemacht worden, und die nächsten Tage dürften überraschende Nachrichten über sein ferneres Schicksal bringen, wie wir von vorzüglch unterrichteter Seite Horen. Inzwischen ist dieser Hetzgenosse der Herren Stöcker und Pickenbach von der Nemesis rasch ereilt worden, und die über sein Vorleben anfgedeckten Thatsachcn haben seine antisemitischen Gönner schnellstens bewogen, ihn von ihren Rockschößen zu schütteln, so daß May nicmehr hicrselbst in einer antisemitischenVersammlung anftretcu wird. Daß seine Worte von A bis Z frech erlogen waren, ist bereits mitgctheilt, und folgende Erklärung des Herrn Prof. Strack in der „Post" ist daher nur zur Jllustrirung der „Talmudkenntnisse" jenes halbverrückten Narren interessant. Prof. Strack schreibt: Herr Simon May erklärt, daß er zu 6 Jahren schon Mkschna gelernt habe und den Talmud vortrefflich kenne. Was den Erfolg betrifft, mit dem Herr Simon May Talmud gelernt hat, führe ich zwei Zeugen an. Herr Dr. A. Berliner, Dozent am hiesigen orthodoxen Rabbinerseminar, auf den Herr Simon May sich anderwärts berufen hat, schreibt über ihn am 19. Mai 1885: „... darf ich.. (dem S. Mny) das Zcugniß nicht versagen, daß, als er vor ca. 16 Jahren hierher nach Berlin kam und als Lehrling in ein Fellgeschäft eintrat, er in etwa 2 Stunden mich zu der Ucbcrzengnng führte, daß er nicht im Stande sei, auch nur eine Zeile im Talmud richtig zu lesen, geschweige zu übersetzen, und ihn damals schon für zu alt hielt, socche schwierige Studien noch aufzunehmen." — Der jüdische Geistliche, welcher mit Simon May, als dieser vor 5 oder 6 Jahren (wegen Bankcrotts, wenn ich recht unterrichtet bin) im Gefängniß zu Plötzensee saß, amtlich zu verkehren hatte, hat mich, ohne Veranlassung meinerseits, zu der Erklärung autorisirt, daß May damals nicht einmal die Elemente der hebräischen Grammatik ordentlich gekannt habe." Dem gegenüber erklärt Herr Simon May, es sei eine Unwahrheit, daß er „wegen Bankcrotts" im Gefängniß zu Plotzensce gesessen, und er hat Recht. Herr May hat nicht wegen Bankcrotts, sondern wegen überführter Unterschlagung im Jahre 1877 vier Wochen Gefängniß in Plötzenseeverbüßt. Ferner stellt sich sein Titel „Doktor" als Schwindel heraus; unsere scherzhafte Vermuthung, daß er „Doktor Philadelphiae" sein möge, hat sich als buchstäblich wahr erwiesen,