Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 46 (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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760 untersuchen wollten, nur Wenige, ja vielleicht nicht Einer würde die Probe bestehen. Es ist leicht gesagt, wir sind Bekenner der Einheitsidee aber es ist schwer zu vereinbaren mit unserem rein materiellen Leben, mit unseren rein materiellen Bestrebungen und Zielen, denen wir Alles opfern, denen zu Liebe wir uns von allen höheren Verpflichtungen lossagen, weil wir, wie wir behaupten, ohne dieses strenge Beachten von äußerlichen Eeremonicn, auch ohne gar zu rigorose Beobachtung aller Gesetze, doch die echten Bekenner des Judenthums seien. Diese Behauptung klingt gerade so, als wenn ein Kind sagen würde: Ich weiß, daß Jener mein Vater ist, daß ich sein Kind bin, aber mit dieser ideellen Anerkennung habe ich mich meiner kindlichen Pflichten entledigt; ich habe genug mit der Erfüllung derjenigen Pflichten zu thun, die mir das Leben auferlegt. Man wird freilich entgegnen, daß das doch etwas ganz Anderes sei. Die Eltern hätten so viel Mühe und Sorgen mit und durch ihre Kinder, müssen so schwere Opfer bringen, die das Kind niemals vergelten kann, daß das Kind doch zum Mindesten die Pflicht habe, gehorsam, dankbar, ehrerbietig rc. zu sein. Freilich, es ist ganz was Anders! Denn unser himmlischer Vater, sagen sie, sorgt nicht für seine Geschöpfe. Er hat es einmal so eingerichtet in seiner Schöpfung, daß Sonnenschein und Regen, Sommer und Winter, Tag und Nacht einander abwechseln, daß die Sonne über die Guten und Bösen scheint, der Regen die Felder der Braven wie der Schlechten befeuchte und befruchte; das nimmt Alles so seinen natürlichen Verlauf. Gott will nicht und braucht nicht unfern Dank. Das sind so die gewöhnlichen Auslassungen der Alltagsphilosophen, die da meinen, wie wissenschaftlich, wie gebildet, wie so recht dem Geiste des 19. Jahrhunderts entsprechend sie da reden. Als wenn die meisten Eltern den Dank, die Aufmerksamkeit und die Ehrerbietung der Kinder nöthig hätten! Und doch werden die Eltern nicht darauf verzichten wollen, und geschähe es nur im Interesse der Kinder. Denn wehe dem Kinde, das seine Eltern nur ideell anerkennt! dessen ganzes Streben und Schaffen nicht von dem Gedanken beseelt ist, dadurch seinen Eltern Freude zu bereiten, seinen Eltern dankbar zu sein, indem es für sich selbst schafft und strebt. Denn eigentlich ist ja all sein Lernen und Mühen doch nur für sich selbst, um einst als Mensch sich zu bewähren. Und doch muß der beseeligende Gedanke dabei, der es über die Schwierigkeiten hinwegführt, der es anspornt zu Fleiß und Sorgfalt, immer der sein, den Eltern damit Freude und Ehre zu machen. Und wir als Menschen sollten immer nur unsere Absichten, unsere Zwecke, unser Ziel im Auge haben dürfen, und kein Gedanke an unfern Allvater soll uns erheben, uns anspornen und schützen, daß wir nicht im Ringen um kleinliche Bedürfniffe des Lebens versumpfen?! Kein edlerer Gedanke soll unserem Thun und Treiben den Stempel der Weihe und des Adels aufdrücken?! Nein, wie die ganze Triebfeder des kindlichen Strebens und Lernens nicht die einstige Existenz, nicht das eigene kleine Persönchen, nicht der Ehrgeiz sein darf, sondern nur der Gedanke an die Eltern, die sich aufgeopfert, die Alles, Alles für ihr Kind thun, die nur für ihr Kind leben und sorgen und ringen: also, und ganz so, wenn nicht in erhöhten! Maße, muß unser Leben im Hinblick auf unseren himmlichen Vater sich entwickeln. Unsere Person muß zurückstehen. Nicht uns darf unser Streben gelten, sondern einzig und allein unserem Schöpfer. Schließlich ist ja doch der ganze Nutzen und Vortheil für uns allem. Dieser Gedanke darf uns, wenn wir uns nicht die Achtung und Ehrerbietung, den Dank und Gehorsam unserem Gotte gegenüber außer Acht lassen wollen, keinen Moment verlassen. Und zu diesem Zwecke wurde uns das Gebot des Schaufadens gegeben. Die Pflicht, ihn anzusehen, das ist die einfache Bedeutung dieses Gebotes. Zugleich aber dient er als Erinnerungszeichen an alle Gebote unseres Gottes, um sie alle zu beobachten. So wichtig ist die Beobachtung des n'mu-Gebotes, daß unsere Weisen sagten ronon b "iud rfcw», es ist allen Geboten gegenüber gleichwerthig. Beachtet nian das Erinnerugsgebot nicht, dann glaubt man eben, die Erinnerung nicht zu bedürfen, wird, ohne diesen beständigen Mahner, gleichgiltia, nachlässig und vergeßlich. Gerade dieses Anschauen eines unbedeutenden Fadens während des Schema-Gebetes, in welchem wir die Einheit Gottes bekennen, uns verpflichten für Gottes Wort mit ganzem Herzen, ganzer Seele und allen unseren Kräften einzustehen: uns verpflichten Gottes Wort unfern Kindern emzuschärfen und in allen Vorkommnissen des Lebens dieselben auf Gottes waltende Hand hinzuweisen: gerade dabei muß dieses Gebot uns gleichsam den Gedanken aufdrängen : Warum sollen wir diese Fäden anschauen? Dn’pjn crroi onwi und wenn Ihr sie anseht, dann wird die Erinnerung kommen, die Euch zur Beobachtung anspornt. Aber noch mehr, dieses Anschauen des einfachen Fadens gibt unseren Gedanken eine Richtung, die ihn bewahrt vor Ausschreitung, vor Verführung, ihn schützt und behütet, daß er nicht dem,. wa3 er sieht, dem, was sein Herz begehrt, blindlings folgt.