Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-06-11 · Heft 46 (11.6.1885) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 46 (11.6.1885)
Date
1885-06-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449546--22325-2511941
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

762 und der Polizeioffizier hat absichtlich diese Frage an ihn gerichtet, mn ihn wegen falscher Aussage verfolgen zu können. Dann hat Herr May dein hiesigen Correspondenten einer auswärtigen Zeitung mehrere Hundert Mark ab geschwindelt, und dieser hat sofort gegen ihn einen Prozeß wegen gemeinen Betruges eingcleitet. Schließlich haben mehrere der von ihm niederträchtig Verleumdeten, und in erster Reihe die Herren Mayer (Berlin, Söhne von Ascher Mayer in Preuzlau) nach einer öffentlichen Erklärung in der „Volkszeitung" die ganze Sache der S t a a t s a n w a l t s ch a f t übergeben. Das ist Herr Simon May, das ist der Gewährsmann und „wahrhaftige Talmudist" des Herrn Stöcker, das ist die hochragende Säule des „Deutschen Antisemitenbundes" und das ist das Musterexemplar eines Feindes unseres heiligen Glaubens. Bl. Hirfchbcrg i. Schl. In den letzten Tagen des Monts März wurde in Liegnitz im Stadttheater ein von dem bekannten Redakteur Winterfeldt verfaßtes Stück „Moderne Freiheit" aufgeführt, das wegen seiner antisemitischen Tendenz bei dem größten Thcile der Liegnihcr Bürgerschaft große Entrüstung hervorrief. Der „Bote" in Hirschberg druckte eine ihm von einem Liegnitzer Bürger übersandte Kritik des Stückes ab und fügte eine Anmerkung der Redaktion hinzu. Herr Winterfeldt hatte nun den Redakteur des „Boten" wegen Beleidigung verklagt und verlangte dessen Verurtheilung zu Gefängnißstrase. Am Donnerstag fand vor dem hiesigen Schöffengericht der erste Termin statt. Herr Winterfeldt bestritt mit großer Emphase die antisemitische Tendenz des Stückes: erklärte, das Stück sei eine wcrthvollc Studie, welche den tiefen, sozialen Schäden unserer Zeit offen und wahr ins Antlitz leuchte re. re. Weiter nannte Winterfeldt die Rezension des „Boten" einen Skandalartikel, erklärte, der Redakteur des „Boten" treibe die persönliche Beleidigung gewerbsmäßig und habe ihn seit Jahren mit Schmutz beworfen. Wegen dieser drei Beleidigungen erhob Redakteur Dürholt Widerklage und beantragte ferner, über das Stück das sachverständige Urthcil der Schriftsteller Dr. Paul Lindau und Fritz Mauthner in Berlin einzuholeu. Winterfeldt schlug als Sachverständigen Excellenz von Hülsen in Berlin vor. Das Gericht wird die Urthcile der drei Herren einholen und dann über die Sache weiter berathen. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien. Am 18. April kam die damals bei dem Kaufmann Joseph Ehrlich bedienstete Magd Marie Lischka zum Commissariat Landstraße und machte daselbst die Meldung, daß sie kn der Nacht von der Tochter ihres Dienstgebcrs mit einem Messer überfallen und an der Brust leicht verletzt worden sei. Das Dienstmädchen wies dem amtircnden Commissär als 6orpu8 delicti ein blutbeflecktes Küchenmcsscr vor, und thatsächlich constatirte man, daß sie an der Brust eine Verletzung, die mit einem spitzen Instrumente beigebracht sein mußte, erlitten habe. Die Art und Weise jedoch, wie Marie Lischka die näheren Umstände des Falles dem Eommissär mittheilte, erweckt^! in demselben den Verdacht, daß die Anzeigerin entweder übertreibe oder aber in Allem gelogen habe. Das Letztere stellte sich denn auch bald unzweifelhaft heraus. Marie Lischka hatte nänllich danach gestrebt,, ihren Dienstplatz verlassen zu können, ehe ihre Kündigungsfrist abgelaufcn war, und diesen ihren Zweck glaubte sie am besten dadurch erreichen zu können, wenn sie sich als Opfer eines von ihren Dienstgebern verübten Attentats bei den Behörden bezeichnet. Marie Lischka hatte sich nicht allein damit begnügt, der Behörde eine Anzeige zu erstatten, sie war auch raffinirt genug, Vorsorge zu treffen, daß die Sache die größtmögliche Publicität erlange, und in diesem Bestreben wurde sie durch Johann Sauermann, Inhaber eines Dienstvermittlungs-Bureaus, unterstützt. Sauermaun schrieb eine Zcitnngsnotitz, welche mit der Frage begann: „Brauchen die Juden Christcnblut?" Die Antwort dieser Frage war durch den Inhalt dieser Notiz gegeben. Marie Lischka wurde in derselben als eine zweite „Esther Solymossi", Ehrlich aber als ein Mörder von Ehristcnmädchen hingcstellt, der einen Großverschleiß für Ehristenblnt habe. Es sei, hieß cs in dieser Arbeit des Sauermaun, nunmehr erklärlich, warum Ehrlich alle acht Tage einen neuen Dienstboten braucht, und daher auch das Räthsel gelöst, wohin die in letzterer Zeit aus Wien verschundenen Mädchen kommen. Diese Notiz übergab er einem Herrn Namens Johann Nathan Heferlen, welcher sie einer Zeitung zuschickte. Die Veröffentlichung dieses Berichtes unterblieb jedoch, und an seiner Stelle erschien die wahre Darstellung der Sachlage, wie sie vom Polizei-Commissariat Landstraße festgestellt wurde. Marie Lischka wird sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben, und heute mußte dies Johann Sauermann thun, da Herr Ehrlich ihn bei dem Bezirksgerichte Landstraße wegen Ehrenbeleidigung geklagt hatte. Der Richter Dr. Bayer beschloß jedoch, die Verhandlung zu vertagen und die Akten der Staatsanwaltschaft abzutreten, weil sich die Handlungsweise Sauermann's als Vergehen des §• 302 (Aufreizung gegen Religions-Genossenschaften) qualificirte. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.