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Der Israelit · 1885-06-11 · Heft 46 (11.6.1885) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 46 (11.6.1885)
Date
1885-06-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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756 fcitiß ihre Ansichten anstauschten, was der Förderung de» englischen Werkes sehr zu statten kam. Da» Unternehmen war anS zwei Gründen eine Nothwendigkeit; einmal war so Manches von der Sprache der Royal Version veraltet, viele Wörter nnd Redewendungen leben nicht mehr im Sprachbewußtsein dcS Volkes, so daß Manches unverständlich geworden war. Andererseits hielt aber auch der fortgeschrittenen Bibelnnd Sprach künde die Uebersetzung nicht mehr Stand, durch die neuere Forschung haben sich nicht wenige Stellen als falsche Uebersetzung erwiesen und so war eine Revision eine Nothwendigkeit geworden. Wer sich aber einen Begriff von den Schwierigkeiten machen will, mit denen die Revisoren zu kämpfen hatten, der lese die Kritik der „Times". Die mannigfachen AuSstellngen dieses Blattes, das dem Werke mit Wohlwollen, ja mit Begeisterung cntgegenkommt, beweisen, wie schwierig es war, auch die besten Freunde vollkommen zu befriedigen. Es sollte zunächst die Uebersetzung sich mehr der modernen Redeweise anschließen, ohne daß sie vollständig den altcrthnmlichcn Hauch verlöre; hier war schon schwer zu wählen. Die Auffassungsweise einer strittigen Stelle gibt auch manche Veranlassung zu Ausstellungen, und so wird sich wohl auch hier und da manche Opposition erheben, die aber schließlich vor der allgemeinen Begeisterung, mit welcher diese neue Uebersetzung in England ausgenommen wird, in den Hintergrund treten dürfte. Von dieser Uebersetzung erschienen sechs verschiedene Ausaben zugleich mit Randbemerkung und den Parallelhinweisen, davon eine in Prachtausgabe nur das Alte Testment enthaltend; die übrigen enthalten Altes nnd Neues Testament zusammen. London. Der verstorbene Nathaniel Moutesiorc hat dem'Londoner Hospital 1000 Lstr. für die Unterhaltung eines „Montefiorebcttes" hinterlassen. Feuilleton. Herettel. tÄne Erzählung von Friedrich SRott. Zwanzigstes Kapitel. Zn einem EonpL erster Elaste des Eilzuges, der von E. . . . nach B . . . . geht, saß Viktor an d:r Seite seines Vaters. Herr von Königstein war sehr redselig, er blätterte im Bädekcr und schien die Freuden der Reise schon im Vorhinein zu genießen. Hin und wieder warf er jedoch einen ängstlich besorgten Blick auf den bleichen Knaben, dem er nur selten eine Antwort und dann and) nur eine möglichst einsylbige zu entlocken vermochte. Viktor starrte hinaus auf die freundliche Landschaft, durch die das Dampfroß wie im Fluge dahin eilte, doch schwerlich wußte er, welche Schönheiten sich vor seinem Blicke entfalteten, denn eine Tbräne füllte sein weitgeöffnetes Auge. „Was ist Dir, liebes Kind?" fragte Herr von Königstcin endlich zärtlich, indem er den Knaben an sich zog. „Fühlst Du Dich unwohl?" Viktor schüttelte verneinend das Haupt. „Was hast Du denn? — zürnst Du mir?" „Warum sprichst Du nicht?" fuhr er nach kurzer Pause fort, in der er vergebens auf Antwort gewartet. „Was soll ich antworten?" entgegnete Viktor mit leiser Stimme. „Zorn ist nicht das Gefühl, das ich empfinde — aber ein Schmerz — ein unsagbarer Schmerz —" Er preßte beide Hände auf die Brust nnd plötzlich schrie er laut auf: „O, ich bin so unglücklich! — so unglücklich! —“ und dann brach er in ein wildes convnlsivisches Schluchzen aus. Herr von Königstein war leichenblaß geworden, er preßte die Lippen fest aufeinander, aber er zog den Schluchzenden noch fester an sich nnd suchte durch freundliches Zureden ihn zu beschwichtigen. „Mein liebes, liebes, theures Kind, ich bitte Dich, um Gotteswillen'. —" Viktor zuckte zusammen und sich hastig aufrichtend starrte er den Vater an. „Du sprichst von Gott?" „Und warum sollte ich nicht von Gott sprechen?" fragte Herr von Königstein mit erzwungenem Lächeln. „Weil Du Ihn geleugnet hast," versetzte der Knabe mit seltsam heiserer Stimme, „weil es wie Hohn klingt, wenn Du von Ihm sprichst," fuhr er in sich erschauernd fort. „Und Du bist mein Vater!" schrie er und barg von Neuem wild schluchzend, das Antlitz in beide Hände. Auch in Herrn von Königsteins Angesicht zuckte es. „Und Du Gottgläubiger, kennst Du nicht das Gebot, das den Kindern Ehrfurcht gegen die Eltern gebietet? — Und glaubst Du, daß Deine Sprache sich mit der Ehrfurcht vereint, die Du Deinem Vater schuldest?" „Ich weiß cs nicht," stammelte der unglückliche Knabe, nach Fastung ringend, „vielleicht ist es auch

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