Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 46 (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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755 hat er getauft, gnädiger Herr!" — „Das Kalb taufe ich, hier die Angabe" und der arme Lustig verließ sehr unlustig de» Stall. Tags darauf wiederholte sich die Scene und sie spielte sich auch ein drittesmal ab. Onody paßte sich den Lustig förmlich ab, und er kam immer dann den Kauf zu vereiteln, als Lustig denselben bereits abgeschlossen hatte. Vergangenen Sonntag wurde dem schwergeprüften Lustig noch eine andere Ueberraschung zu Theil. Er schloß mit einem Bauern den Handel ab, Onody war hinter seinem Rücken nicht erschienen und Lustig wollte sich ganz glücklich darüber, daß er seinen Eoncurrcnten aus dem Felde geschlagen habe, entfernen, als ihm der Bauer erklärte, daß aus dem Kaufe nichts werden kann. — „Aber warum beim?" — „Weil ich dieses Kalb Onody verkaufen werde." — „Wozu ließen Sie sich aber mit mir in den Handel ein?" — Der Bauer wollte nicht recht mit der Sprache heraus, als sich aber die Sache bei einem anderen Bauern ganz in derselben Weise wiederholte, da hatte Lustig eingesehen, daß das Ganze ein teuflischer Streich des Onody'- schcn Krämergeistes sei. Und er hatte Recht. Onody ließ nämlich den Bauern des Ortes und der Nachbardörfer sagen, daß, wenn der Jude Lustig behufs Ankaufs eines Kalbes kommen wird, so sollen sie mit ihm den Handel abschlicßen, das Kalb aber sollen sic ihm (Önody) überbringen, da er dafür so viel bezahlen wird, wie viel der Jude aushandelte. Ter Kniff macht wahrlich dein speculativen Geist des antisemitischen Landesvaters alle Ehre, .dem Juden wird das Verdienen unmöglich gemacht, Onody wird zu seinem Erben eingesetzt, aber nur bezüglich des Profites, denn die Mühe und das Anshandeln wird der Jude für ihn besorgen. Das wäre denn auch ganz vorzüglich aussp'eculirt. — Aber der Jude Lustig ist ja auch ein Krämer und auf den Kopf ist auch er nicht gefallen. Nie war er noch so fleißig, nie so unermüdlich im Abschließen von Geschäften, wie in den Tagen der vergangenen Woche, und Mittwoch stand bereits eine kleine Heerde von Kälbern im Hofe Onody's, an der der Abgeordnete von Hajdu-NrmLs Tags darauf die runde Summe von 300 fl. cinbüßtc. Lustig aber erhielt in Folge geheimer Abmachung von jedem Bauern eine kleine Provision dafür, daß er die Kälber zu so guten Preisen aushandelte. Man denke sich nun die lange Nase Onody's, der sich von dem Budapcster Krach kaum erholte, einen zweiten „Krach" erleben mußte, und das wieder in Tisza-Eßlar. Ob Lustig nach diesem Streiche in Tisza-Eßlar wird verbleiben können, ist zwar sehr zweifelhaft, gewiß aber ist, daßOnody nie wieder zu seinem Concurrenten werden wird. Frankreich. ' Versailles. Die neue Synagoge dahier, welche eines der schönsten Prachtgebäude der Stadt zu werden verspricht, wird zum Neujahrsfeste eingeweiht werden. Das Gotteshaus wird aus Koste» von Madame Heine erbaut, welche zu diesem Zwecke dem Eonsistorium 200,000 Frs. übergeben hat. England. London. Eine neue englische Bibelübersetzung oder die Revision der alten offiziellen Uebcsetzung ist nach 15-jähriger Thätigkcit dieser Tage zum Abschluß gelangt. Diese Thatsache ist für England ein Ereigniß und wird als solches auch von den maßgebenden großen Tagcsblättern behandelt; die „Times" bringen eine fast fünf Spalten lauge kritische Besprechung dieses Werkes und man kann daraus entnehmen, welche Bedeutung man demselben beimißt. Die offizielle oder autorisirte Bibelübcrsetznug wurde nach einigen Vorläufern unter Jakob l. im Jahre 1(>11 als Royal Version abgeschlossen. Sie war das Werk von 47 Gelehrten, zu dessen Fertigstellung dieselben sieben Jahre brauchten. Sic trat an die Stelle der zur Zeit Elisabeths unter Leitung des Erzbischofs Parker von Eanterbury im Jahre 1568 abgefaßten Bishops - Biblc. Auf die Sprache übte die Royal Version in England ungefähr denselben Einfluß wie die Luther's in Deutschland. Der Vorschlag, die ofsizlclle Bibel einer Revision zu unterwerfen, ging im Februar 1870 von dem verstorbenen Bischof von Winchester und dem Bischof von Glouccster und Bristol ans und hatte ursprünglich nur die Bearbeitung des neuen Testaments im Auge, auf Vorschlag der verstorbenen Bischöfe von Llaydlaff und St. Davids wurde der Plan auch auf das A. T. ausgedehnt. Im Mai 1870 koustiturte sich die Kommission, die sich in zwei Seetionen, die eine für das A.T., der auch Herr Oberrabbiner Adler '"2 angchörte, die andere für das N. T. theilte, und setzte die Prinzipien, nach denen die Revision vorzunchmen sei, fest. Mehr als dreißig der hervorragendsten Theologen und Hebraisten gehörten dieser Kommission an. Die Scction für das N. T. beendete ihre Arbeit im,^Mai 1881 und die für das A. T. in diesem Jahre. Letzteres bot die größten Schwierigkeiten und erforderte daher auch einen größeren Zeitaufwand. Auch in Amerika war im Jahre 1871 eine Kommission zur Bearbeitung der Bibel zusammengetrcten, zu dieser setzte sich die englische Kommission in freundschaftliche Beziehung, so daß beide gegen-