Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 46 (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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-57 meinerseits Frevel, daß ich so zu Dir gesprochen — denn Du bist mein Vater, den ich nicht nur lieben — den ich auch achten und ehrfürchten sollte." „Und Du thuest weder das Eine noch das Andere," erwiderte Herr voll Königstein mit bitterem Lächeln. Viktor erbebte von Neuem unter heftigem Schluchzen. Plötzlich warf er sich auf Herrn von Königstein und umschlang ihn mit beiden Armen. „O mein Vater! mein Vater! — wie wollte ich Dich lieben! — Dich achten und Dich ehrfürchten! — Nur kehre zurück zu der Religion, von der Du sicher nur aus Jrrthum Dich abgewendet — O, kehre zurück! — und Gott wird Dir verzeihen und Deines Sohnes Liebe, seine Ehrfurcht vor Dir wird jede Stunde Deines Daseins Dir versüßen. — O, kehre zurück! —" Herr von Königsteiu neigte sich über den Knaben und drückte einen Kuß auf seine Stirn. „Du bist ein sonderbarer Schwärmer," sagte er lächelnd, „doch Du bist mein liebes, theures, einziges Kind, für das allein ich sorge und arbeite. Und wenn es nicht geradezu Unmögliches wäre, was Du verlangst, ich thäte es freudigen Herzens, nur um Deine Zuneigung, Deine Achtung mir zu bewahren. Aber, wie gesagt. Du forderst Unmögliches." „Und warum ist es unmöglich, begangenes Unrecht einzugestehen?" „Und woher weißt Du denn, daß ich Unrecht gethan?" fragte Herr von Königstein lächelnd. Viktor blickte betroffen zu ihm auf. „Es kann doch nicht —" „Mein liebes, gutes Kind," siel der Vater ein, „Du bist noch sehr, sehr jung. Du kennst das Leben nicht, hast noch keine Ahnung vor welchen Unannehmlichkeiten, welchen Kämpfen mein Uebertritt zur herrschenden Kirche Dich bewahrt hat. Glaube nicht, daß ich jenen Schritt aus Leichtsinn gethan. Im Gegentheil, nur aus Liebe zu Deiner selige» Mama und zu Dir." „Aber meine selige Mama muß es doch bereut haben; in ihrer letzten Stunde hat sie mich wiederholt als Juden bezeichnet." Herr von Königstein zuckte die Achseln. „Ich war zu meinem größten Schmerz nicht gegenwärtig, als sie ihre reine Seele aushauchte, doch ich halte ein Mißverständniß seitens Deiner guten Pflegceltern nicht ausgeschlossen. — Höre mir zu, mein theures Kind, Du bist zwar noch zu jung, um alles, was das Lebe» uns gebietet, feinem vollen Werthe nach beurtheilen zu können; doch ich will mich bemühen, Dir klar zu machen, was mich, ich möchte fast sagen moralisch gezwungen hat, meine Religion zu wechseln." „Wir wohnten damals in C.... Durch einen Dienst, den ich zufälligerweise dem Landesfürsten geleistet, hatte ich mir die Gunst desselben erworben. Er schätzte meine Geschäftskenntnisse und meine Treue; in seinen Privatangelegenheiten unternahm er nichts ohne nieinen Rath. Die Hofteute benahmen sich mir gegenüber allerdings auch sehr höflich, denn ich war eine einflußreiche Persönlichkeit geworden — hinter meinem Rücken jedoch hörte ich sie nur allzu oft vom Juden Königstein. zischeln. — Wie sehr mich das schmerzte, kannst Du Dir vielleicht denken, vielleicht auch nicht — doch es war zu ertragen, denn es galt nur meiner Person. — Als ich jedoch Deine selige Mama heimgeführt und nun hoffte, sie auch bei Hofe einführen zu können, da ward mir zuerst nur zu verstehen gegeben, aber dann ganz offen bedeutet, eine Jüdin dürfe unter den hochgeborenen Damen nicht erscheinen. Selbstverständlich beklagte ich mich bei Sercnissinius und dieser sprach zwar sein aufrichtiges Bedauern aus, die Schönste der Schönen an seinem Hofe nicht empfangen zu können, erklärte mir jedoch gleichfalls, daß selbst er es nicht wagen dürfe, sich gegen die Etikette aufzulehnen. Gleichzeitig forderte er mich auf, zur Landeskirche überzutreten, versprach mir in diesem Falle den Adel für mich und meine Nachkommen und daß meine geliebte Frau als Freifrau von Königstein zn allen Hoffesten werde geladen werden." „Du bist noch zu jung, um diese Zusage ihrem vollen Werth nach schätzen zu können. Doch der Gedanke, Dich mein theueres Kind, durch unfern Uebertritt vor all' den Kämpfen und den Nörge- Icicii, die dem Juden das Leben vergällen, zu sichern, vereint mit der Aussicht auf die Huldigung, die Deiner theuren Mama dadurch bevorstand, denn sie war in Wirklichkeit unstreitig die Schönste aller Schönen — dieses beides nberwanh meinen letzten Zweifel." „Aber meine selige Mamasagte Viktor. Herr vou Königstein schien ihn nicht zu hören. „Und wenn ich nun," fuhr er fort, „in schwachherziger Zärtlichkeit Deinen Wunsch erfüllen würde, dereinst würdest Du mir berechtigte Vorwürfe machen, daß ich das Joch wieder aufgeladen, das Deine jungen Schultern leicht erdrücken könnte." „O, glaube nur das nicht!" fiel Viktor lebhaft ein, „denn wenn Du auch nicht znrücktrittst zu der Religion, in der Du geboren; was mich betrifft, ich habe derselben nie entsagt. Bis zu meinem fünften Jahre habe ich mich als Jude betrachtet, dann ward ich zlvar getäuscht und mußte glauben,